Montag, 10. Dezember 2018
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Niedrige Ölpreise: Ursachen, Wirkungen und Risiken

Manuel Frondel, Stephan Sommer, György Barabas und Torsten Schmidt

Der Ölpreis hat sich innerhalb eines halben Jahres etwa halbiert. Von über 100 US$ pro Barrel (bbl) Mitte 2014 ist der Preis für die Sorte Brent im Januar auf unter 50 US$ gefallen. Auch die Preise für Heizöl und andere Energieträger sind infolgedessen gesunken, allerdings nicht im gleichen Maße. Was sind jedoch die Ursachen des Ölpreisverfalls und welche positiven Auswirkungen hat dies auf Wirtschaft und Verbraucher in Deutschland? Zudem steht die Frage im Raum, ob sich aus dem aktuellen Preistrend mögliche Risiken ergeben sowie Nebenwirkungen für den Klimaschutz und die Energiewende zu erwarten sind.

Dass der Preis für Rohöl seit Mitte 2014 stark gesunken ist (Abb. 1, Quelle: [1]), war für viele überraschend, am meisten wohl für die Peak Oil-Pessimisten, die das Maximum der globalen Ölförderung in sehr naher Zukunft erreicht, wenn nicht gar bereits überschritten gesehen haben. Die innerhalb eines halben Jahres dramatisch gesunkenen Ölpreise widerlegen nun sowohl Peak Oil als auch Mutmaßungen über einen immer weiter steigenden Rohölpreis.

Ursachen

Diese Theorien verwundern doch sehr, da sich Rohstoffmärkte bekanntermaßen zyklisch verhalten. Sind die Preise niedrig, wird wenig in die Exploration und Erschließung neuer Ölfelder investiert. Das war besonders nach der Asienkrise 1998 der Fall, als der Preis vorübergehend unter 10 US-$/bbl fiel (Abb. 1; Quelle: [1]). Trifft ein daraus resultierendes niedriges Angebot auf eine stark steigende weltwirtschaftliche Nachfrage, wie dies – nicht zuletzt befeuert durch das Wachstum Chinas – bis zur Finanzkrise 2008 der Fall war (Abb. 2; Quelle: [2]), steigen die Preise – bis zum bisherigen Allzeithoch von knapp 150 US-$ im Jahr 2008. Wenn sich das Preisniveau auf hohem Niveau als stabil erweist, wie z. B. in den Jahren 2011 bis 2013 (Abb. 1; Quelle: [1]), werden immer mehr Investitionen und Projekte zur Erhöhung der Ölproduktion getätigt. Die Ausweitung des Angebots ist die Voraussetzung für wieder sinkende Preise.

Neben hohen Preisen hat auch der technologische Fortschritt Auswirkungen. Dieser ermöglichte die wirtschaftliche Gewinnung der als unkonventionelle Vorkommen bezeichneten Schieferölvorräte. Die USA konnten damit den Rückgang ihrer heimischen Ölproduktion stoppen und ihre Nettoimporte zwischen 2003 und 2013 deutlich verringern, von rd. 11 auf 6,5 Mio. bbl pro Tag [3]. Die dem Weltmarkt nun zusätzlich zur Verfügung stehenden 4,5 Mio. bbl bedeuten einen Anteil von rd. 5 % der täglichen weltweiten Förderung von aktuell rd. 91 Mio. bbl [4]. Somit sind sowohl die lange Zeit als richtig erachteten Vorhersagen des Geologen Marion King Hubbert, nach denen die Erdölproduktion in den USA ihren Höhepunkt bereits Ende der 1960er Jahre erreicht hätte, als auch die sich darauf stützende Peak Oil-Hypothese endgültig widerlegt.

Ungewöhnlich ist allerdings die Reaktion der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC), die auf nachhaltig fallende Preise üblicherweise mit Förderkürzungen reagierte. Vor allem der weltweit größte Ölproduzent, Saudi-Arabien, hat seine bekannte Rolle als sog. Swing Producer vorerst aufgegeben und sein Angebot trotz fallender Preise nicht verringert.

Einsparungen der Verbraucher

Was die Staatshaushalte Russlands und vieler OPEC-Mitglieder derzeit massiv beeinträchtigt, freut die Importländer, die von den aktuell niedrigen Rohölnotierungen in enormem Maße profitieren: Verglichen mit dem früheren Preisniveau von über 100 US-$ werden beim derzeitigen Preis von rd. 60 US-$ über das Jahr gerechnet weltweit mehr als 1,33 Bio. US-$ umverteilt – zulasten der Produzenten [5]. Während bedeutende Ölproduzenten, insbesondere die russische Wirtschaft, ins Schlingern geraten könnten, wirkt dies in den Importländern wie ein riesiges Gratis-Konjunkturprogramm.

Dies freut in Deutschland nicht zuletzt die privaten Haushalte. So können die mit Öl heizenden Haushalte in diesem Jahr massiv an Heizkosten sparen. Gerade ärmere Haushalte könnten profitieren: Ein Haushalt mit einem Jahresnettoeinkommen von 15 000 € könnte nach unseren Berechnungen auf Basis der Erhebungen des Energieverbrauchs der privaten Haushalte von RWI und forsa [6] gegenüber dem Vorjahr rd. 370 € sparen, denn statt 825,5 €/1 000 l [7], wie im Januar 2014, betrugen die Heizölpreise im Januar 2015 lediglich 547,5 €/1 000 l [8]. Musste dieser Haushalt im Januar 2014 noch 92 € pro Monat für seinen Heizölverbrauch von – über das Jahr gemittelt – 112 l zahlen, waren es im Januar 2015 nur noch 61 €. Damit sank der Anteil der Heizkosten am Haushaltsnettoeinkommen von über 7 % auf unter 5 %; auf das Jahr 2015 hochgerechnet könnte die Ersparnis 372 € betragen.

Für einen besserverdienenden Haushalt mit einem Nettogehalt von 40 000 € jährlich und einem Heizölverbrauch von 157 l pro Monat ist die Ersparnis etwas höher: Statt 130 €, wie im Jahr 2014, sind monatlich nur noch 86 € zu entrichten. Die jährliche Ersparnis läge somit bei 523 €. Der Anteil der Heizkosten am Nettoeinkommen sinkt damit von knapp 4 % auf 2,6 %. Darüber hinaus ist auch mit Einsparungen für jene Haushalte zu rechnen, die kein Heizöl verwenden, denn auch die Preise für andere Brennstoffe und Energieträger, wie z. B. Erdgas, korrelieren teilweise stark mit dem Heizölpreis und mit den sinkenden Ölpreisen gehen auch deren Preise zurück (Abb. 3; Quelle: [9]).

Tatsächlich dürften die Einsparungen für Heizölnutzer wegen der Lagerbarkeit dieses Energieträgers noch deutlich höher ausfallen als gerade dargestellt. So liegt es nahe, dass Haushalte aufgrund der niedrigen Preise Heizöl auf Vorrat kaufen, um so über mehrere Jahre von den aktuell niedrigen Preisen profitieren zu können. Ein Haushalt, der über Heizöltanks mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 4 500 l verfügt, hätte im Vergleich zum Vorjahr im besten Fall über 1 250 € an Einsparungen erzielen können, wenn er seinen leeren Tank im Januar 2015 vollständig befüllt hätte. Bei einem Heizölpreis von 547,5 € je 1 000 l [8] kosteten die 4 500 l, die nach der Erhebung von RWI und forsa [10] dem durchschnittlichen Fassungsvermögen der Heizöltanks in privaten Haushalten entsprechen, im Januar 2015 lediglich rd. 2 460, anstatt 3 715 €, wie im Januar 2014, als der Preis bei 825,5 € je 1 000 l lag [7]. Ein Haushalt mit einem jährlichen Nettoeinkommen von 40 000 €, der nach RWI und forsa [10] einen Jahresverbrauch von 1 884 l aufweist, würde mit 4 500 l beinahe zweieinhalb Jahre lang seinen Heizölbedarf decken können.

Nicht unerhebliche Einsparungen sind auch bei den Ausgaben der privaten Haushalte für den Individualverkehr zu erwarten. So bezahlten Zweipersonenhaushalte, die sich im Besitz eines Otto-Pkw befinden, im Jahr 2014 bei einem durchschnittlichen Benzinpreis von 1,53 €/l (Abb. 4; Quelle: [11]) ca. 1 404 € für Benzin, wenn man einen durchschnittlichen Benzinverbrauch von 8,8 l/100 km sowie eine mittlere Fahrleistung von 10 441 km pro Jahr unterstellt, wie es in den Erhebungen von RWI und forsa [10] für Zweipersonenhaushalte mit Diesel-Pkw ermittelt wurde. Wird für das gesamte Jahr 2015 ein durchschnittlicher Benzinpreis von 1,32 €/l angenommen, wie er zu Jahresbeginn zu beobachten war, ergäbe sich gegenüber 2014 eine Ersparnis von knapp 200 € pro Jahr, wenn man einen unveränderten Verbrauch und dieselbe Fahrleistung unterstellt [12].

Eine etwas geringere Ersparnis von 183 € resultiert für einen Zweipersonenhaushalt, der im Besitz eines Diesel-Pkw ist. Für diesen Haushaltstyp beliefen sich die Kraftstoff-Ausgaben im Jahr 2014 bei einem mittleren Dieselpreis von 1,35 €/l (Abb. 5; Quelle: [11]) auf 1 263 €, wenn ein durchschnittlicher Verbrauch von 7,5 l/100 km und eine Jahresfahrleistung von 12 471 km unterstellt wird, wie es in den Erhebungen von RWI und forsa [10] für Zweipersonenhaushalte ermittelt wurde. Wird für das ganze Jahr 2015 ein Dieselpreis von 1,16 €/l angenommen, betragen die entsprechenden Kraftstoffausgaben lediglich 1 080 €.

Bei Dreipersonenhaushalten, die eine durchschnittliche Jahresfahrleistung in Höhe von 11 929 km (Otto-Pkw) bzw. 16 116 km (Diesel-Pkw) aufweisen, betragen die Ersparnisse 220 bzw. 235 €. Von den gesunkenen Kraftstoffkosten profitieren indes zumeist einkommensstarke Haushalte, weniger jedoch Haushalte mit geringeren Einkommen: Über die Hälfte der Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 1 000 € hat unseren Daten zufolge kein Auto zur Verfügung [10].

Auswirkungen auf die Volkswirtschaft

Das Geld, das die Verbraucher bei den Heiz- und Kraftstoffkosten sparen, geben sie in der Regel an anderer Stelle aus. Dies regt den privaten Konsum an. Darüber hinaus sorgen sinkende Rohölpreise für einen Rückgang der Produktionskosten von Unternehmen und somit für steigende Gewinne. Daher hat der Rückgang der Ölpreise deutlich positive Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Aktivität. Dies gilt nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Erfahrungen mit früheren Ölpreisschocks, die gezeigt haben, dass die Wirkungen auf die Wirtschaftsaktivität stärker sind, wenn die Ursachen, wie in diesem Fall, auf Veränderungen des Ölangebots zurückzuführen sind. Tatsächlich legen entsprechende Analysen nahe, dass der überwiegende Teil des jüngsten Ölpreisrückgangs auf angebotsseitige Faktoren zurückgeführt werden kann [13].

Mithilfe einer Simulationsrechnung mit dem RWI-Konjunkturmodell können die Wirkungen eines Ölpreisrückgangs um 25 US-$/bbl (auf 78 US-$/bbl im Jahr 2015 und 80 US-$/bbl im Jahr 2016) ermittelt werden. Im Vergleich zum Basis-Szenario ohne einen solchen Preisrückgang ergibt sich für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr ein um 0,3 Prozentpunkte höheres Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP des kommenden Jahres 2016 würde um 0,2 Prozentpunkte höher ausfallen (siehe Tabelle). Gleichzeitig ist ein deutlicher Rückgang des Preisauftriebs zu erwarten. Durch die niedrigeren Ölpreise könnte der Preisindex des privaten Konsums um 0,6 Prozentpunkte geringer ausfallen. Berücksichtigt man zusätzlich, dass auch wichtige Handelspartner Deutschlands von den niedrigeren Ölpreisen profitieren und ihre Nachfrage nach deutschen Gütern dadurch ausweiten, ergibt sich ein noch höherer Effekt auf das deutsche BIP, das 2015 um 0,5 Prozentpunkte höher ausfallen könnte als im Basis-Szenario.

Tab.: Simulationen der Auswirkungen eines Rückgangs des Rohölpreises um 25 US-$/bbl mit dem RWI-Konjunkturmodell [14]
Rückgang des Ölpreises um 25 US-$/bbl Rückgang des Ölpreises um 25 US-$/bbl sowie eine um 0,5 Prozentpunkte stärkere Expansion des Welthandels
Zuwachsrate in Prozentpunkten 2014 2015 2016 2014 2015 2016
BIP 0,0 0,3 0,2 0,1 0,5 0,3
Private Konsumausgaben 0,1 0,6 0,2 0,1 0,7 0,3
Bruttoanlageinvestitionen 0,0 0,5 0,3 0,1 0,8 0,6
Inlandsnachfrage 0,1 0,5 0,2 0,1 0,7 0,4
Exporte 0,0 –0,1 0,1 0,1 0,5 0,4
Importe 0,1 0,6 0,3 0,1 1,1 0,6
Außenbeitrag (Wachstumsbeitrag) 0,0 –0,3 0,0 0,0 –0,2 0,0
Preisindizes
Private Konsumausgaben –0,1 –0,6 0,0 –0,1 –0,6 –0,1
Bruttoinlandsprodukt 0,0 0,1 –0,1 0,0 0,1 –0,1
Anmerkung: Dargestellte Werte sind Abweichungen vom Basis-Szenario.

Diese positiven Effekte sind angesichts der enormen Bedeutung, die Erdöl für Deutschland hat, nicht überraschend. Mit einem Anteil von recht genau einem Drittel stellte Erdöl im Jahr 2013 noch immer den bedeutendsten Primärenergieträger für Deutschland dar [15]. Bei einem durchschnittlichen Einfuhrpreis von 556,65 €/t Rohöl [16] gab Deutschland im Jahr 2014 ca. 49,7 Mrd. € für seine Rohölimporte in Höhe von 89,3 Mio. t aus [17]. Das sind mehrere Milliarden Euro weniger als im Jahr 2013, als dieselbe Importmenge bei einem mittleren Einfuhrpreis von 611,43 €/t noch 54,6 Mrd. € gekostet hätte. Angenommen, der Einfuhrpreis von 412 €/t vom Dezember 2014 erwiese sich als Durchschnittspreis für das Jahr 2015, würde Deutschland bei seinen Ölimporten um 12,9 Mrd. € entlastet. Statt 49,7 Mrd. €, wie im Jahr 2014, müssten für die – als konstant unterstellte – Importmenge von 89,3 Mio. t nur noch 36,8 Mrd. € entrichtet werden.

Auswirkungen auf die Förderländer

Des einen Freud ist des anderen Leid: Der für Deutschland bedeutendste Energielieferant, Russland, von dem im Jahr 2014 rund ein Drittel der Rohölimporte von fast 90 Mio. t bezogen wurden (Abb. 6; Quelle: [18]), würde im Jahr 2015 bei den oben errechneten Einsparungen Deutschlands bei den Ölimporten von 12,9 Mrd. € allein von Deutschland rd. 4 Mrd. € weniger an Devisen für seine Rohölexporte überwiesen bekommen. Zum Vergleich: Der Wert der heimischen Förderung, die im Jahr 2014 bei ca. 2,4 Mio. t lag [19], entspricht unter Berücksichtigung des durchschnittlichen Einfuhrpreises von 556,65 €/t rd. 1,3 Mrd. €.

Insgesamt könnte Russland der Preisrückgang bei Rohöl Mindereinnahmen im dreistelligen Milliardenbereich bescheren, falls dieser Rückgang das ganze Jahr 2015 Bestand haben sollte. Im Vergleich zum durchschnittlichen Preis des Jahres 2013 von 108,6 US-$/bbl wäre die von Russland im Jahr 2013 exportierte Menge von 7,25 Mio. bbl pro Tag [3] heute rd. 340 Mio. US-$ weniger wert, wenn man den durchschnittlichen Preis der vergangenen Monate (September 2014 bis Februar 2015) in Höhe von 61,7 US-$/bbl zugrunde legt. Auf ein Jahr hochgerechnet würden Russland damit Einnahmen in Höhe von rd. 124 Mrd. US-$ entgehen. Dies entspräche ca. 6 % des russischen BIP.

Angesichts der mit dem Ölpreis ebenfalls zurückgehenden Preise für Erdgas und Steinkohle könnten die Einnahmeausfälle bei den Energieexporten Russland in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen, wenn das Preistief über Jahre anhalten würde – mit möglichen negativen Folgen auch für die weltwirtschaftliche Entwicklung. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es beinahe tröstlich zu wissen, dass das jetzige Preistief aufgrund der Zyklizität des Marktes wohl nicht von Dauer sein dürfte. Denn die niedrigen Preise von heute sind auf Rohstoffmärkten bekanntermaßen die Ursache für die hohen Preise von morgen. Tatsächlich laufen die ersten Wetten, in Form von Call Options, dass der Preis von WTI (West Texas Intermediate) im Jahr 2018 die Marke von 100 US-$ überspringt [20].

Auf höhere Preise dürften wohl auch einige Mitglieder der OPEC hoffen. Schließlich sind auch die Mindereinnahmen der OPEC, die für ca. 40 % der weltweiten Erdölproduktion verantwortlich ist, (Abb. 7; Quelle: [4]) mit 1,3 Mrd. US-$ pro Tag immens. Bei einem täglichen Exportvolumen von 27,4 Mio. bbl [3] und einem mittleren Preis von 61,7 US-$/bbl in den vergangenen Monaten (September 2014 bis Februar 2015) gegenüber 108,6 US-$/bbl im Jahr 2013 ergäben sich auf das ganze Jahr hochgerechnet Einnahmeverluste von fast 470 Mrd. US-$.

Nichtsdestotrotz betonte Ali Al-Naimi, der Ölminister Saudi-Arabiens, welches mit einer Fördermenge von rd. 10 Mio. bbl pro Tag das dominierende OPEC-Mitglied ist [3], im Dezember 2014, dass die OPEC-Staaten die Fördermenge nicht kürzen würden, ganz gleich auf welches Niveau der Ölpreis sinke [21]. Als Grund für diesen Strategiewechsel gegenüber der Vergangenheit, als vor allem Saudi-Arabien einem Preisverfall in der Regel mit Förderkürzungen entgegentrat, gibt der saudische Ölminister Sorgen um die Marktanteile und die Marktmacht der OPEC an. Tatsächlich wird das aktuelle Verhalten der OPEC häufig als Limit-Pricing-Strategie interpretiert, mit der man durch Beschränkung des Rohölpreises weitere Investitionen in die Schieferölproduktion in den USA verhindern und Marktanteile verteidigen möchte.

Die Weigerung der OPEC, die Fördermenge zu reduzieren, wird manchmal jedoch auch als stillschweigendes Eingeständnis der eigenen Grenzen bei der Stabilisierung der Preise und der Beherrschung des Marktes gesehen. Schließlich hängt die Möglichkeit, Marktmacht auszuüben, von der Fähigkeit der anderen Marktteilnehmer ab, eine Förderkürzung der OPEC durch eine Ausweitung der Produktion auszugleichen. Wenn Förderkürzungen der OPEC durch die Produktion von Schieferöl in den USA kompensiert werden könnten, würde dies die OPEC Marktanteile kosten, ohne zu einer Stabilisierung der Preise beizutragen.

Ob aber die OPEC tatsächlich unter dem Verlust von Marktmarkt leidet, ist derweil in der Literatur umstritten. Laut Wirl [22] sowie Wirl und Caban [23] sind niedrige Marktpreise nicht als Zeichen fehlender Marktmacht zu verstehen. Stattdessen kann das Wechseln zwischen hohen und niedrigen Preisen angesichts der Trägheit der Nachfrage und einem unsicheren Markt, wie es der Weltmarkt für Rohöl ist, sogar gewinnmaximierend sein. Die Aussichten für Rohöl, dem wohl auch in der heutigen Zeit noch immer bedeutendsten Handelsgut, und die künftigen Ölpreise bleiben somit so unsicher wie eh und je.

Nebenwirkungen

Weniger unsicher ist hingegen die künftige Entwicklung der Strompreise in Deutschland. Die Bemühungen, das nationale Klimaschutzziel für das Jahr 2020 zu erfüllen, nach dem die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 40 % gemindert werden sollen, sowie das unbeirrte Festhalten an den Zielen für den Ausbau der erneuerbaren Energien im Zuge der Energiewende dürften auch weiterhin für einen Anstieg der Strompreise sorgen – ebenso wie in der Vergangenheit. So zeigt Abb. 3, dass der Strompreis grundsätzlich zu Jahresbeginn erhöht wird und besonders große Sprünge in den Jahren 2010 und 2013 gemacht hat.

Für einen durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt, der laut RWI und forsa [10] einen jährlichen Stromverbrauch in Höhe von 4 040 kWh aufweist, ist die Stromkostenbelastung zwischen 2009 und 2014 um fast 240 € im Jahr gestiegen, wenn man eine Erhöhung des Strompreises von 23,21 auf 29,13 ct/kWh [24] zugrunde legt [25]. Diese Mehrausgaben fließen beinahe vollständig in die Förderung erneuerbarer Energien, denn zwischen 2009 und 2014 hat sich die EEG-Umlage von 1,31 auf 6,24 ct/kWh erhöht. Berücksichtigt man die auf die EEG-Umlage anfallende Mehrwertsteuer, wuchs die entsprechende Belastung von 1,56 auf 7,43 ct/kWh. Demnach trug ein Dreipersonenhaushalt mit durchschnittlichem Stromverbrauch von 4 040 kWh im Jahr 2014 ca. 300 € zur Förderung erneuerbarer Energien bei; im Jahr 2009 waren es lediglich 63 €.

Durch die gesunkenen Heizöl- und Kraftstoffkosten könnte die Akzeptanz für die Klimaschutzbemühungen und Energiewende in Deutschland bei vielen Verbrauchern gestärkt worden sein, da die in jüngster Zeit deutlich gestiegenen Belastungen bei Strom dadurch teilweise wieder ausgeglichen werden. Dem dürfte allerdings bei einkommensschwachen Haushalten, die nicht mit Öl heizen und die mehrheitlich kein Auto besitzen, wohl nicht so sein. In der Tat sind gerade die einkommensschwachen Haushalte von den in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Stromkosten besonders betroffen: Während laut Frondel, Sommer und Vance [26] ein einkommensschwacher Haushalt im Jahr 2006 ca. 4,5 % für Strom ausgab, waren es 2012 rund ein Prozentpunkt mehr und damit fast viermal so viel wie ein besser verdienender Haushalt mit 5 167 € Nettoeinkommen.

Mit den im Gegensatz zu den Ölpreisen wohl auch in Zukunft weiter steigenden Strompreisen dürfte die Spreizung noch zunehmen. Dies wirft die drängende Frage auf, wie man die Folgen steigender Stromkosten für ärmere Haushalte lindern kann. Frondel, Sommer und Vance [26] plädieren diesbezüglich für eine Erhöhung von Transferleistungen an einkommensschwache Haushalte sowie für die Abschaffung des EEG zugunsten eines kosteneffizienteren, auf einem marktwirtschaftlichen Ansatz basierenden Fördersystems für erneuerbare Energien.

Anmerkungen

  1. Weltbank: Overview of Commodity Markets. Historical Data, 2015, abrufbar unter: econ.worldbank.org/­WBSITE/­EXTERNAL/­EXTDEC/­EXTDECPROSPECTS/­0,,contentMDK:­21574907~­menuPK:7859231~­pagePK:64165401~­piPK:64165026~­theSitePK:476883,00.html, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  2. Eigene Berechnungen auf Basis von Weltbank (siehe Fn. [1]); BLS – U.S. Bureau of Labor Statistics: Consumer Price Index US City Average. Boston 2015; EZB – Europäische Zentralbank: Statistical Data Warehouse. Bilateral Exchange Rates. Frankfurt am Main 2015 und destatis – Statistisches Bundesamt: Verbraucherpreise – Jahresdurchschnitte. Wiesbaden 2015. Brent-Preise sind erst seit 1979 verfügbar, die Preise davor stellen einen Durchschnitt verschiedener Sorten dar.

  3. Frondel, M.: Niedrige Preise – Ein Wunder? In: Wirtschaftsdienst 95 (2), S. 84–85.  ↩

  4. EIA – U. S. Energy Information Administration: Profiles for Countries, 2015, abrufbar unter: www.eia.gov/countries, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  5. Bei einem täglichen globalen Rohölverbrauch von 91 Mio. bbl bedeutet die Preisdifferenz von 40 US-$/bbl eine Ersparnis für die Verbraucher von 3,64 Mrd. US-$ am Tag bzw. rd. 1,33 Bio. US-$ im Jahr.  ↩

  6. RWI und forsa: Erhebung des Energieverbrauchs der privaten Haushalte der Jahre 2006–2008, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Endbericht. Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung und forsa GmbH, Essen, Berlin 2011; RWI und forsa: Erhebung des Energieverbrauchs der privaten Haushalte der Jahre 2009–2010, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Endbericht. Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung und forsa GmbH, Essen, Berlin 2013; RWI und forsa: Erhebung des Energieverbrauchs der privaten Haushalte der Jahre 2011–2013, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Endbericht. Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung und forsa GmbH, Essen, Berlin 2015. Die Studien sind abrufbar unter: www.rwi-essen.de/haushaltsenergieverbrauch, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  7. EID – Energieinformationsdienst: Heizölpreise. In: EID Ausgabe 03/2014.  ↩

  8. EID – Energieinformationsdienst: Heizölpreise. In: EID Ausgabe 04/2015.  ↩

  9. destatis – Statistisches Bundesamt: Preise. Daten zur Energiepreisentwicklung. Lange Reihen von Januar 2000-Januar 2015. Wiesbaden 2015.  ↩

  10. RWI/forsa: Erhebung des Energieverbrauchs der privaten Haushalte der Jahre 2011–2013 (siehe Fn. [6]).

  11. MWV – Mineralölwirtschaftsverband: Statistisches Datenmaterial. Berlin 2015, abrufbar unter: www.mwv.de/index.php/daten, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  12. Unter der Annahme, dass Heizenergie und Mobilität gewöhnliche Güter sind, kann ein Preisrückgang zu einer steigenden Nachfrage führen. So reagiert bspw. der Individualverkehr in Deutschland ziemlich stark auf Preisänderungen. Nach den Ergebnissen mehrerer empirischer Studien liegt die Benzinpreiselastizität für den Pkw-Verkehr in Deutschland bei –0,4 bis –0,7 (siehe Frondel, M.; Vance C.: Re-Identifying the Rebound: What About Asymmetry? In: Energy Journal 34 (4) 2013, S. 43–54). Das bedeutet, dass eine Senkung des Benzinpreises um 10 % eine Erhöhung der Fahrleistung um 4 bis 7 % nach sich ziehen würde.  ↩

  13. Baumeister, C.; Kilian, L.: Understanding the Decline in the Price of Oil Since June 2014. CEPR Discussion Paper 10404, 2015.  ↩

  14. RWI – Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung: Die wirtschaftliche Entwicklung zum Jahresende 2014. RWI Konjunkturbericht 65(4)/2014.  ↩

  15. AGEB – Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen: Energieverbrauch in Deutschland im Jahr 2013. Berlin, Köln 2014.  ↩

  16. 1 t Rohöl entspricht 7,33 bbl (so BPB – Bundeszentrale für Politische Bildung: Verteilung der nachgewiesenen Erdöl-Reserven. Bonn 2010, abrufbar unter: www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52764/erdoel-reserven, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  17. BAFA – Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle; Ausgewählte Statistiken. Entwicklung der Rohöleinfuhr. Eschborn 2015, abrufbar unter: www.bafa.de/bafa/de/energie/mineraloel_rohoel/ausgewaehlte_statistiken/index.html, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  18. BAFA – Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle: Amtliche Mineralöldaten. Eschborn 2015, aufrufbar unter: www.bafa.de/bafa/de/energie/mineraloel_rohoel/amtliche_mineraloeldaten, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  19. WEG – Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung: Fakten und Trends. Statistischer Monatsbericht Dezember 2014. Hannover 2015.  ↩

  20. EID – Energieinformationsdienst: Wetten: US-Preis 2018 über 100 -$/b. In: EID Ausgabe 14/2015, S. 15.  ↩

  21. Maria Marquart: Preisverfall bei Öl: Saudischer Minister schwört Opec auf Konkurrenzkampf ein. In: Spiegel Online, 23.12.2014; abrufbar unter: www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/oelpreis-opec-will-preisverfall-nicht-stoppen-a–1010056.html, zuletzt geprüft am 16.4.2015.  ↩

  22. Wirl, F.: OPEC’s Strategies. In: Zeitschrift für Energiewirtschaft 36, 2012, S. 227–237.  ↩

  23. Wirl, F.; Caban, S.: A Rationalization of Ups and Downs of Oil Prices by Sluggish Demand, Uncertainty, and Nonconcavity. In: Natural Resource Modeling 27 (2) 2014, S. 178–196.  ↩

  24. BDEW – Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: BDEW-Strompreisanalyse Juni 2014. Haushalte und Industrie. Berlin 2014.  ↩

  25. Die vom BDEW (siehe Fn. [24]) angegebenen Preise gelten für einen Dreipersonenhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3 500 kWh. Laut unseren Erhebungen (RWI/forsa, siehe Fn. [10]) liegt der Stromverbrauch eines Dreipersonenhaushaltes jedoch etwas höher, bei 4 040 kWh.

  26. Frondel, M.; Sommer S.; Vance, C.: The Burden of Germany’s Energy Transition – An Empirical Analysis of Distributional Effects. In: Economic Policy and Analysis 45/2015, S. 89–99.  ↩

M. Frondel, Leiter der Kompetenzbereichs Umwelt und Ressourcen, Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen und Ruhr-Universität Bochum; G. Barabas, Mitarbeiter, T. Schmidt, Stellvertretender Leiter des Kompetenzbereichs Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen, S. Sommer, Mitarbeiter des Kompetenzbereichs Umwelt und Ressourcen, Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen
frondel@rwi-essen.de

Die Autoren danken David Heine für wertvolle wissenschaftliche Vorarbeiten und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung für die finanzielle Unterstützung im Rahmen des Projekts Akzeptanz (Förderkennzeichen 01 UN 1203C).

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