Samstag, 18. November 2017
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Zahlungsbereitschaft für grünen Strom: Zunehmende Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Mark Andor, Manuel Frondel und Stephan Sommer

Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland sorgt unweigerlich für zunehmende Strompreise. Vor diesem Hintergrund hat das RWI die Zahlungsbereitschaft der privaten Haushalte für grünen Strom untersucht. Auf Basis der Ergebnisse zweier Erhebungen aus den Jahren 2013 und 2015 unter jeweils mehr als 6.000 Haushalten des forsa-Haushaltspanels zeigt sich, dass zwar die grundsätzliche Befürwortung der Förderung erneuerbarer Energien weiter gestiegen ist. Die Zahlungsbereitschaft für reinen Grünstrom hat sich gegenüber 2013 im Allgemeinen jedoch verringert. Angesichts dieser Ergebnisse stellt sich die Frage nach der Akzeptanz der Bürger für die in Folge der Energiewende weiter wachsenden Belastungen.

Ausbau der alternativen Stromerzeugung in Deutschland

Der Ausbau der Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer Energie-Technologien schreitet in Deutschland mit hohem Tempo voran. Der Anteil grünen Stroms an der Bruttostromerzeugung stieg von etwa 6 % zur Jahrtausendwende auf rund 30 % im Jahr 2015 [1] . Zweifellos ist dieser weltweit wohl unübertroffene Anstieg auf die Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 zurückzuführen. Im Rahmen des EEG bekommen die Betreiber von alternativen Stromerzeugungstechnologien wie Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen für jede produzierte Kilowattstunde (kWh) grünen Stroms, die in das öffentliche Netz eingespeist wird, einen festen, meist 20 Jahre lang in unveränderter Höhe gültigen Vergütungssatz. So erhielten die Betreiber von an Land installierten Windkraft-Anlagen im Jahr 2015 eine Vergütung von 8,9 Ct/kWh Windstrom.

Obwohl Windkraftanlagen eine der kostengünstigsten alternativen Technologien darstellen, liegt diese Vergütung deutlich über den Strompreisen an der Börse, welche als Indikator für den Wert von Strom dienen. Der Preis für Grundlaststrom betrug im Jahr 2015 durchschnittlich 3,2 Ct/kWh [2]. Die Differenz zwischen der jeweiligen Einspeisevergütung und dem Börsenstrompreis, die im Fall von an Land erzeugtem Windstrom im Jahr 2015 bei durchschnittlich 5,7 Ct/kWh lag, wird auf die Stromrechnung aller (nicht-privilegierten) Stromverbraucher umgelegt.

Diese sog. EEG-Umlage hat sich zwischen 2009 und 2017 mehr als verfünffacht und ist von 1,32 Ct/kWh auf 6,88 Ct gestiegen (Abb. 1). Einen wesentlichen Anteil daran hatte der – häufig als Solarboom bezeichnete – exorbitante Ausbau der Kapazitäten an Photovoltaik (PV). Diese erhöhten sich zwischen 2008 und 2015 um knapp 34 Gigawatt (GW), von 6 GW auf 39,8 GW (Tab. 1).

Tab.1: Konventionelle und alternative Stromerzeugungskapazitäten in Deutschland in Gigawatt (GW)
Jahr Wasserkraft Wind Onshore Wind Offshore Photovoltaik Biomasse Summe alternative Kapazitäten Konventionelle Kapazitäten
2000 4,8 6,1 0,0 0,1 0,7 11,7 109,9
2001 4,8 8,7 0,0 0,2 0,8 14,6 107,9
2002 4,9 12,0 0,0 0,3 1,0 18,2 106,5
2003 5,0 14,4 0,0 0,4 1,4 21,2 105,6
2004 5,2 16,4 0,0 1,1 1,7 24,4 106,0
2005 5,2 18,2 0,0 2,1 2,4 27,9 107,0
2006 5,2 20,5 0,0 2,9 3,0 31,6 107,6
2007 5,1 22,1 0,0 4,2 3,4 34,8 110,2
2008 5,2 22,8 0,0 6,1 3,7 37,8 110,4
2009 5,3 25,7 0,0 10,6 4,9 46,5 111,4
2010 5,4 26,8 0,1 17,9 5,5 55,7 111,6
2011 5,6 28,5 0,2 25,4 6,4 66,2 103,2
2012 5,6 30,7 0,3 33,0 6,8 76,4 102,1
2013 5,6 33,0 0,5 36,3 7,0 82,5 103,9
2014 5,6 37,6 1,0 38,3 7,3 89,8 104,3
2015 5,6 41,2 3,4 39,8 7,4 97,4 104,1
Quellen: [3], S. 12 und [4], S. 13. Mit einer installierten Kapazität von 0,033 GW in 2015 sind geothermische Systeme von vernachlässigbarer Relevanz und somit nicht Teil der Tabelle.

Auf den PV-Zubau geht etwa die Hälfte des Anstiegs der EEG-Umlage zwischen 2009 und 2015 zurück [5]. Da die Transformation der Stromversorgung mit beinahe unvermindertem Tempo weitergeht und der Ausbau der Windkraft mit der Novellierung des EEG im Jahr 2014 sogar forciert wurde, ist auch künftig mit einer Erhöhung der EEG-Umlage und damit steigenden Strompreisen zu rechnen. Aller Voraussicht nach wird so das Erneuerbaren-Ziel eines Anteils an grünem Strom von 35 % am Bruttostromverbrauch bis zum Jahr 2020 deutlich übertroffen.

Das EEG hat zu einem beachtlichen Ausbau der Leistung an alternativen Stromerzeugungs-Anlagen geführt. Diese stieg bis Ende des Jahres 2015 auf etwa das Achtfache der im Jahr 2000 vorhandenen Kapazitäten (Tab. 1). Die Kapazitäten von knapp 98 Gigawatt (GW) erreichten im Jahr 2015 beinahe das Niveau der konventionellen Stromerzeugungstechnologien. Grüner Strom hatte 2015 jedoch nur einen Anteil von knapp einem Drittel an der Bruttostromerzeugung (Abb. 1).

Der mit Abstand größte Zubau war für Photovoltaik und die Windkraft an Land (Onshore-Windkraft) zu verzeichnen. Während der Ausbau der Onshore-Windkraft jedoch einigermaßen gleichmäßig verlief, erfolgte der PV-Zubau in den Jahren 2008 bis 2013 explosionsartig. Erst nach 2013 schritt der PV-Ausbau deutlich langsamer voran, die Onshore-Windkraft legte hingegen erheblich zu. Allein im Jahr 2014 wurden 5,6 GW an Windkraft-Leistung an Land zugebaut (Tab. 1), mehr als doppelt so viel, als es der im EEG–2014 festgelegte Zubau-Korridor für Onshore-Windkraft von 2,4 bis 2,6 GW vorsieht. Auch die Zubau-Leistung des Jahres 2015 von 3,7 GW übertraf diesen Korridor deutlich.

Bemerkenswert ist, dass die Mitte des Zubau-Korridors von 2,5 GW um etwa ein Viertel höher liegt als die durchschnittliche Zubau-Leistung vor der EEG-Novelle 2014: In den Jahren 2000 bis 2013 lag der Zubau im Mittel bei knapp 2 GW. Somit sieht das novellierte EEG einen deutlich stärkeren Windkraft-Zubau vor, als in früheren Jahren. Das widerspricht dem Ziel der Novelle, den künftigen Kostenanstieg zu dämpfen. Für die Stromrechnung der Verbraucher kommt erschwerend hinzu, dass im Jahr 2015 auch der Ausbau von Windparks vor den deutschen Küsten an Fahrt aufnahm.

Die Leistung der sog. Offshore-Windkraft erhöhte sich 2015 um circa 1,8 GW und erreichte insgesamt eine Kapazität von knapp 2,8 GW. Wenngleich der Ausbau der – neben der PV bislang ebenfalls sehr teuren – Stromerzeugung auf Biomasse-Basis mit der Novellierung des EEG im Jahr 2014 massiv eingeschränkt wurde, stellt sich die Frage, ob vor dem Hintergrund des forcierten Ausbaus der Windkraft das mit der EEG-Novellierung bezweckte Ziel der Kostendämpfung für die Verbraucher tatsächlich erreicht werden kann.

Mittlerweile haben die Strompreise für private Haushalte, bemessen in Kaufkraftparitäten, die europäische Spitze erreicht (Tab. 2). Mit mehr als 28 Ct/kWh lagen diese Preise im 1. Halbjahr 2016 deutlich über dem Durchschnitt der EU–28-Länder und fielen für deutsche Haushalte fast doppelt so hoch aus wie für französische Haushalte.

Tab.2: Strompreise in Kaufkraftparitäten (Ct/kWh) im europäischen Vergleich im 1. Halbjahr 2016
Haushaltspreise Industrieller Verbrauch in Megawattstunden
<500 <2.000 <20.000 <70.000 <150.000
Dänemark 23,4 20,7 20,2 20,1 18,9 18,8
Deutschland 28,8 21,9 19,1 16,6 13,6 11,0
Italien 24,5 21,8 18,0 16,0 13,6 9,9
Österreich 18,9 14,2 11,8 9,9 8,5 7,8
Vereinigtes Königreich 16,7 15,7 14,1 13,0 12,8 12,5
Niederlande 14,9 15,4 9,6 8,6 7,4 6,9
Frankreich 15,6 13,2 11,0 9,3 7,8 7,1
EU 28 20,6 17,3 14,5 12,7 10,9 9,4
Durchschnittspreise inkl. aller Steuern und Abgaben (Purchasing Power Standard).Quelle: [6]

Datenerhebung und Stichprobenbeschreibung

Um vor diesem Hintergrund die zeitliche Veränderung der Zahlungsbereitschaft der Haushalte für grünen Strom zu ermitteln, wurden vom RWI und dem Marktforschungsinstitut forsa im Rahmen eines vom Bundesforschungsministerium finanzierten Projektes (Projekthomepage: www.rwi-essen.de/eval-map) in den Jahren 2013 und 2015 zwei Erhebungen durchgeführt. Befragt wurden in beiden Fällen die Haushaltsvorstände des Haushalts-Panels von forsa, welches circa 10.000 Haushalte umfasst und für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab dem Alter von 14 Jahren repräsentativ ist [7]. Beide Erhebungen waren insbesondere repräsentativ im Hinblick auf die regionale Verteilung nach Bundesländern [8].

Die erste Befragung haben 6.522 Haushaltsvorstände abgeschlossen. 5.276 Teilnehmer der zweiten Erhebung aus dem Jahr 2015 haben auch an der ersten Befragung aus dem Jahr 2013 teilgenommen. Insgesamt haben 6.389 Haushaltsvorstände die zweite Befragung beendet. Bei der ersten (zweiten) Befragung waren 65,6 % (66,0 %) der Teilnehmer männlich, 34,4 % (34,0 %) weiblich. Diese Ungleichverteilung ist dadurch bedingt, dass der Fragebogen vom „Haushaltsvorstand“ beantwortet werden sollte, d. h. definitionsgemäß von derjenigen Person, die typischerweise die finanziellen Entscheidungen für den Haushalt trifft.

Von den Teilnehmern der zweiten Befragung haben 36,1 % die Realschule als höchsten Schulabschluss angegeben. Zum Vergleich: In der Bevölkerung beläuft sich dieser Anteil nach den jüngsten Mikrozensus-Ergebnissen aus dem Jahr 2014 auf lediglich 27,2 %. Ebenfalls in der Stichprobe deutlich überrepräsentiert sind hohe Bildungsabschlüsse: 42,1 % der Antwortenden haben die Fachhochschul- oder Hochschulreife, während diese laut Mikrozensus nur einen Anteil von 31,9 % ausmachten (Statistisches Bundesamt 2015). Antwortende mit Haupt- und Volksschulabschluss sind hingegen mit einem Anteil von 21,6 % in der Stichprobe unterrepräsentiert (Mikrozensus: 37,6 %).

Somit lässt sich feststellen, dass die Stichprobe im Hinblick auf Merkmale wie Geschlecht und vor allem Bildung nicht repräsentativ für die Bevölkerung ist. Die Tatsache, dass die besser Gebildeten in der Stichprobe stärker repräsentiert sind als in der Grundgesamtheit, ist für Erhebungen typisch und unter dem Begriff Bildungs-Bias bekannt. Dieser könnte zur Konsequenz haben, dass die im Folgenden dargestellte Zahlungsbereitschaft für grünen Strom tendenziell höher ausfällt als dies für die Bevölkerung generell der Fall sein könnte, da aufgrund unserer früheren Analysen zu erwarten ist, dass besser Gebildete eine höhere Zahlungsbereitschaft haben [9].

Hypothetische Zahlungsbereitschaft für 100 % grünen Strom

Um die Zahlungsbereitschaft für grünen Strom empirisch zu ermitteln, wurde den Teilnehmern die folgende Frage gestellt: „Wie viel wären Sie privat maximal bereit, für Strom zu zahlen, der ausschließlich aus erneuerbaren Energien erzeugt wird?“. Zur Beantwortung dieser hypothetischen Frage, die mit keinerlei finanziellen Konsequenzen für die Befragten verbunden war, sollten diese annehmen, dass Strom, der zu 100 % auf Basis fossiler Energieträger (Kohle, Erdgas und Erdöl) erzeugt wird, 100 € pro Monat kostet. Dieser Referenzwert ist rein fiktiv und als Normierung zu verstehen. Damit sollte den Befragten die Antwort erleichtert werden. Gleichzeitig erlaubt diese Normierung, die Antworten als relative Werte zu interpretieren.

Tab.3: Zahlungsbereitschaft für 100 % grünen Strom in den Jahren 2013 und 2015, wenn Strom, der zu 100 % auf Basis fossiler Energieträger (Kohle, Erdgas und Erdöl) erzeugt wird, annahmegemäß 100 € pro Monat kostet
Vergleich der Antworten derselben Probanden Jeweils alle Antworten
2013 2015 2013 2015
Median 110,0 € 100,0 € 110,0 € 100,0 €
Arithmetisches Mittel 111,1 € 93,6 € 112,6 € 94,1 €
25 % Quantil 100,0 € 67,0 € 100,0 € 65,0 €
75 % Quantil 125,0 € 120,0 € 125,0 € 120,0 €
Zahl an Beobachtungen 1.407 1.407 2.303 5.676

Der Vergleich der Antworten der 1.407 Haushaltsvorstände, die diese Frage in beiden Erhebungen beantworteten, zeigt, dass die Zahlungsbereitschaft für grünen Strom im Durchschnitt gesunken ist (Tab. 3). Waren die Haushaltsvorstände im Jahr 2013 bereit, für 100 % grünen Strom im Schnitt noch 10 % mehr zu bezahlen als für den fossilen Vergleichsmix, wie aus dem Median von 110 € hervorgeht, wollten dieselben Haushaltsvorstände im Jahr 2015 im Durchschnitt keine höheren Kosten mehr in Kauf nehmen (Median: 100 €). Das arithmetische Mittel von 93,6 € befindet sich sogar unterhalb des Referenzwertes von 100 € für den fossilen Vergleichsmix. Im Jahr 2013 wollten dieselben Haushaltsvorstände im Mittel hingegen noch 111,1 € für reinen Grünstrom bezahlen.

Noch deutlicher zu Tage tritt das Sinken der Zahlungsbereitschaft in Abb. 2. Mit 58,2 % haben fast drei Fünftel jener Haushaltsvorstände, die in beiden Jahren die entsprechende Frage beantworteten, ihre Zahlungsbereitschaft gegenüber dem Jahr 2013 verringert. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn jeweils sämtliche Antworten auf diese Frage betrachtet werden (Tab. 3), nicht nur die derselben Haushaltsvorstände. Auch bei diesem Vergleich sinkt die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft für reinen Grünstrom, gemessen anhand des Medians, um 10 €.

Bei beiden Vergleichen, dem derselben Haushaltsvorstände und dem sämtlicher Antworten, fällt auf, dass die unteren Quartile sich am stärksten verringert haben: diese sanken von jeweils 100 € im Jahr 2013 auf 67 € bzw. 65 € im Jahr 2015. D. h.: Bezogen auf die Zahlungsbereitschaft im Jahr 2013 möchten die Haushaltsvorstände des unteren Quartils im Jahr 2015 für reinen Grünstrom 33 bzw. 35 % weniger bezahlen. Mit 5 € sind die oberen Quartile hingegen weit weniger stark zurückgegangen. Diejenigen Haushaltsvorstände, die im Jahr 2013 bereit waren, mindestens 25 % mehr pro Monat für 100 % grünen Strom zu bezahlen, waren 2015 noch immer bereit, mindestens 20 % mehr als für den fossilen Vergleichsmix zu zahlen.

Abschließend ist anzumerken, dass grundsätzlich davon ausgegangen werden muss, dass in einer hypothetischen Befragungssituation wie der vorliegenden die Probanden ihre tatsächliche Zahlungsbereitschaft für reinen Grünstrom tendenziell überschätzen, da die Angaben mit keinerlei finanziellen Konsequenzen für die Befragten verbunden sind und diese möglicherweise nicht berücksichtigen, dass ihnen in einer realen Entscheidungssituation das für die Erneuerbaren ausgegebene Geld nicht mehr für andere Konsumzwecke zur Verfügung steht.

Diese potenzielle Verzerrung der hypothetischen Zahlungsbereitschaft ist in der Literatur unter dem Begriff „hypothetical bias“ bekannt [10]. Unter der Annahme, dass dieser Bias für die einzelnen Befragten über die Zeit hinweg konstant ist, kann jedoch geschlussfolgert werden, dass die Differenz der Zahlungsbereitschaften für die Jahre 2013 und 2015 die zeitliche Änderung der Zahlungsbereitschaft für reinen Grünstrom unverzerrt wiedergibt.

Konträr zur sinkenden Zahlungsbereitschaft für 100 % grünen Strom hat sich die Einstellung zur Förderung von erneuerbaren Energien zum Positiven verändert. Unter den 5.004 Haushaltsvorständen, die sowohl 2013 als auch 2015 auf die Frage geantwortet haben, ob es grundsätzlich richtig sei, erneuerbare Energien zu fördern, nahm der Anteil der Befürworter von 84,4 % im Jahr 2013 auf 88,0 % im Jahr 2015 zu. (Diese Frage wurde jeweils vor Abfrage der Zahlungsbereitschaften gestellt.)

Diese scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse mögen einerseits der Tatsache geschuldet sein, dass die gerade in den Jahren 2013 und 2014 besonders stark gestiegene EEG-Umlage zunehmend Gegenstand der Medienberichterstattung geworden ist und dies sich negativ auf die Zahlungsbereitschaft der Bürger für grünen Strom ausgewirkt haben könnte. Andererseits könnten die Bürger in der Förderung der Erneuerbaren ein Mittel sehen, um dem Klimawandel zu begegnen. Dieser wird, so zeigen die empirischen Ergebnisse der beiden Erhebungen, von den Befragten als wachsende Bedrohung wahrgenommen. So gab eine große Mehrheit von 78,3 % der Haushaltsvorstände im Jahr 2015 an, dass bereits heute ein globaler Klimawandel stattfindet. Dieser Meinung waren in der Befragung von 2013 lediglich 72,5 %.

Akzeptanz künftiger Erhöhungen der EEG-Umlage

Angesichts der Aussicht auf weiter steigende Kosten der Energiewende wurden in der Erhebung aus dem Jahr 2015 auch Fragen zur Toleranz künftiger Erhöhungen der EEG-Umlage gestellt. Dazu wurden die Befragten zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die Befragten der einen Gruppe erhielten die Möglichkeit, einen selbstgewählten Betrag zwischen 0 und 9.999 Ct anzugeben, den sie als maximale Erhöhung der EEG-Umlage tolerieren würden, damit das für das Jahr 2020 avisierte Ziel eines Grünstrom-Anteils von 35 % am Stromverbrauch erreicht werden kann.

Den Befragten einer zweiten Gruppe wurde zufällig einer von drei Erhöhungsbeträgen der EEG-Umlage von 1, 2 oder 4 Ct/kWh genannt, den sie im Wesentlichen akzeptieren oder ablehnen konnten. Die zufällige Zuteilung erfolgte so gesteuert, dass diese Gruppe in drei etwa gleich große Teile aufgeteilt wurde (Abb. 3). Von den Teilnehmern, die einen Erhöhungsbetrag von 1 Ct/kWh genannt bekamen, wäre mit 50,8 % der entsprechend Befragten etwas mehr als die Hälfte bereit, diese Erhöhung zu bezahlen. Eine Erhöhung der EEG-Umlage um 2 Ct würde von 42,5 % der entsprechend Befragten akzeptiert, eine Erhöhung um 4 Ct würden noch 31,3 % der jeweiligen Haushaltsvorstände hinnehmen.

Die 2.880 Befragten, die einen selbstgewählten Betrag für die von ihnen tolerierte Erhöhung der EEG-Umlage angeben durften, sind im Mittel bereit, 4,3 Ct/kWh mehr zu bezahlen. Der Median liegt mit 2 Ct/kWh jedoch deutlich darunter (Die dieser Gruppe gestellte Frage lautet: „Um dieses Ziel [35 % Strom aus erneuerbaren Energien an der Stromproduktion] zu erreichen: Wie viele Ct/kWh dürfte die EEG-Umlage maximal erhöht werden, so dass Sie noch bereit wären, dies zu zahlen?“).

Kein Rückgang der EEG-Umlage vor dem Jahr 2023

Eine Studie des Öko-Instituts [11] prognostiziert, dass bei weiterhin ehrgeizigem Erneuerbaren-Ausbau kein Rückgang der EEG-Umlage vor dem Jahr 2023 erwartet werden kann. Vielmehr würden die Stromkosten für die Verbraucher bis dahin noch um 1–2 Ct/kWh ansteigen. Weiter steigende Strompreise für die Verbraucher dürften somit unvermeidbar sein. Vor diesem Hintergrund sollten die Ergebnisse unserer Studie nachdenklich stimmen. So zeigte sich, dass zwar die grundsätzliche Befürwortung für die Förderung erneuerbarer Energien weiter gestiegen ist, die Zahlungsbereitschaft für reinen Grünstrom sich gegenüber 2013 im Allgemeinen jedoch verringert hat.

Angesichts dieser Ergebnisse stellt sich die Frage nach der Akzeptanz der Bürger für die im Zuge der Energiewende weiter wachsenden Belastungen. Diese Frage stellt sich umso mehr, als die hier dargestellten Zahlungsbereitschaften auf rein hypothetischen Entscheidungssituationen beruhen und daher überschätzt sein könnten, da die angegebenen Geldbeträge in der Realität nicht von den Befragten entrichtet werden mussten.

Literatur

  1. AGEB – Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen: Bruttostromerzeugung in Deutschland ab 1990 nach Energieträgern. URL:www.ag-energiebilanzen.de. Zugegriffen: 18.1.2017.  ↩

  2. EEX – European Energy Exchange AG: Durchschnittlicher Preis für Baseload-Strom an der EPEX Spot je Quartal. URL: http://cdn.eex.com/document/52446/Phelix_Quarterly.xls. Zugegriffen: 27.9.2016.  ↩

  3. BMWi – Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland. Berlin 2016. URL: http://www.erneuerbare-energien.de/EE/Redaktion/DE/Downloads/zeitreihen-zur-entwicklung-der-erneuerbaren-energien-in-deutschland–1990–2015.pdf;jsessionid=1CC4523D1A53107BC0E7BA4166E549CB?__blob=publicationFile&v=6. Zugegriffen: 27.9.2016.  ↩

  4. BDEW – Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.: Erneuerbare Energien und das EEG: Zahlen, Fakten, Grafiken, Berlin 2016.  ↩

  5. Frondel, M., Schmidt, C. M., Vance, C. Revisiting Germany‘s Solar Cell Promotion: An Unfolding Disaster. Economic Analysis and Policy 44 (1)/2014, S. 3–13.  ↩

  6. Eurostat: Energiepreisstatistik. URL: http://ec.europa.eu/eurostat/web/energy/data/database. Zugegriffen: 17.1.2017.  ↩

  7. Andor, M., Frondel, M. und Sommer, S.: Klimawandel: Wahrnehmung und Einschätzungen der deutschen Haushalte im Herbst 2012. Zeitschrift für Energiewirtschaft 38 (1)/2014; S. 1–12.  ↩

  8. Andor, M., Frondel, M., Guseva, M., Sommer, S.: Zahlungsbereitschaft für grünen Strom: Zunehmende Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Zeitschrift für Energiewirtschaft 40 (4)/2016, S. 199–209.  ↩

  9. Andor, M., Frondel, M. und Vance, C.: Hypothetische Zahlungsbereitschaft für grünen Strom: Bekundete Präferenzen privater Haushalte für das Jahr 2013. Perspektiven der Wirtschaftspolitik 15 (4)/2014, S. 1–12.  ↩

  10. Bishop, R. C., Heberlein, T. A.: Measuring Values of Extramarket Goods: Are Indirect Measures Biased? American Journal of Agricultural Economics 61(5)/1979, S. 926–930; Harrison, G. W.: Experimental Evidence on Alternative Environmental Valuation Methods. Environmental and Resource Economics 34 (1)/2006, S. 125–162; Loomis, J.: What‘s to know about the hypothetical bias in preference valuation studies, Journal of Economic Surveys 25 (2)/2011, S. 363–370.  ↩

  11. Öko-Institut: Die Entwicklung der EEG-Kosten bis 2035. Studie im Auftrag von Agora Energiewende. Freiburg 2015.  ↩

M. Andor und S. Sommer, RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung; M. Frondel, RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Ruhr-Universität Bochum
frondel@rwi-essen.de

Wir danken dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für die Förderung dieser Studie im Rahmen des Förderschwerpunkts „Ökonomie des Klimawandels“ (http://www.ptdlr-klimaundumwelt.de/de/773.php) und Maja Guseva für wertvolle Vorarbeiten. Dieser Beitrag stellt eine aktualisierte und gekürzte Fassung unseres in der Zeitschrift für Energiewirtschaft erschienen Artikels dar (siehe [8]).

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