Dienstag, 23. Mai 2017
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Nord Stream 2: Gazproms Antwort auf einen strategischen Nachteil?

Harald Hecking und Simon Schulte

Das Pipelineprojekt Nord Stream 2 wird aktuell hinsichtlich seiner geopolitischen, strategischen und ökonomischen Konsequenzen kontrovers diskutiert. Eine detaillierte Analyse der politischen und ökonomischen Hintergründe des Projekts wird in der in Kooperation mit dem ewi ER&S verfassten Studie „Options for Gas Supply Diversification for the EU and Germany in the next Two Decades“ des European Center for Energy and Resource Security (EUCERS) geliefert. Dieser Beitrag analysiert, basierend auf den wichtigsten ökonomischen und spieltheoretischen Erkenntnissen der Studie, die strategischen und ökonomischen Folgen eines potenziellen Baus von Nord Stream 2. Die Analyse basiert auf einer Szenario-Simulation des COLUMBUS-Modells, dem ewi ER&S Simulationsmodell für den globalen Erdgasmarkt.

Das neue Ungleichgewicht der russisch-ukrainischen Erdgas-Beziehungen

Noch vor fünf Jahren befanden sich die gaswirtschaftlichen Beziehungen der beiden benachbarten Staaten Russland und Ukraine in einem strategischen Gleichgewicht. Die gesamten ukrainischen Erdgasimporte wurden durch Russland bereitgestellt. Russland hingegen war abhängig von der Ukraine, da die wichtigsten Exportrouten über ukrainisches Staatsgebiet führten.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute ist ein solches Gleichgewicht nicht mehr vorhanden. Der Erdgasverbrauch der Ukraine hat sich seit 2007 halbiert und seit Ende 2015 wurde kein russisches Erdgas mehr importiert (Stand Anfang 2017). Neue Interkonnektorkapazitäten erlauben es der Ukraine heute, Erdgas aus dem Westen, also der Europäischen Union (EU) und insbesondere der Slowakei, zu importieren. Während die Ukraine also mehr oder weniger unabhängig vom russischen Erdgasangebot geworden ist, bleibt Russland weiterhin abhängig von der Ukraine hinsichtlich seiner Erdgastransite in die EU.

Die russischen Pipelinekapazitäten in die EU (ausgenommen von den Baltischen Staaten sowie Finnland und unter Annahme einer vollständigen Ausnutzung der OPAL-Kapazitäten) sind mehr als ausreichend, um die heutige EU-Importnachfrage nach russischem Erdgas sowie jene in 2035 sicherzustellen (Abb. 1). Schließt man jedoch die Ukraine aus diesen Berechnungen aus, so wird deutlich, dass Russland in höchstem Maße von der ukrainischen Transit-Kapazität abhängig ist. In Verbindung mit der Tatsache, dass der aktuell gültige Langzeitvertrag über Gastransportkapazitäten zwischen Russland und der Ukraine Ende 2019 ausläuft, zeigen diese Zusammenhänge, dass Gazprom im strategischen Nachteil hinsichtlich der Verhandlungen über einen neuen Vertrag ist.

Dieses neue Ungleichgewicht in den gaswirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine muss im Zusammenhang mit Russlands Position auf dem EU-Erdgasmarkt bis 2035 gesehen werden.

Russlands Position auf dem EU-Erdgasmarkt bis 2035

Der Angebotsmix des Erdgasmarktes der EU wird sich in den nächsten 20 Jahren insbesondere aufgrund der rückläufigen innereuropäischen Produktion grundlegend verändern. Treibender Faktor für den sich einstellenden Angebotsmix der Zukunft werden die Preisstrategien großer Upstream-Exporteure wie Gazprom sein. Daher werden im Folgenden jeweils eine wettbewerbliche und eine oligopolistische Preisstrategie und ihre Auswirkungen auf den zukünftigen EU-Angebotsmix analysiert (Abb. 2).

Unter der Annahme von wettbewerblichen Preisstrategien von Gazprom und seinen Mitbewerbern wird Russland seine Position als größter Erdgasanbieter in der EU stärken, da die Erdgasproduktion in der EU und in Norwegen voraussichtlich abnehmen wird. Die Ergebnisse der Markt-Simulation mit dem globalen Erdgasmodell COLUMBUS deuten darauf hin, dass unter der Annahme einer eher konstanten Entwicklung der Erdgasnachfrage die Erdgasproduktion der EU und Norwegens im Jahr 2035 nur noch 32 % des Gasaufkommens in der EU ausmachen wird. Im Jahr 2014 lag der Anteil der EU und Norwegens vergleichsweise höher, bei noch etwa 57 %. Russland hingegen wird seinen Marktanteil von 27 % in 2014 auf 33 % in 2035 erhöhen. Allerdings wird ein harter Wettbewerb, insbesondere durch große Konkurrenz vom globalen LNG-Markt, erwartet. So werden die europäischen LNG-Importe bis 2035 auf voraussichtlich 120 bcm (Mrd. m3) ansteigen.

Nimmt man hingegen ein oligopolistisches Verhalten der größten Lieferländer wie bspw. Russland an, bleibt dieses zwar das wichtigste Lieferland für die EU, allerdings steuert es nur 103 bcm zum EU-Erdgasmix in 2035 bei. Um eine oligopolistische Preisstrategie wirksam zu machen, müsste Russland also große Mengen an Erdgas zurückhalten, um einen relativ hohen Erdgaspreis zu realisieren. Gleichzeitig incentiviert der höhere Erdgaspreis mehr LNG-Volumina gen EU, was zu LNG-Importen von 160 bcm führen würde. Diese Mengen entfalten nicht nur in den Küstenregionen, sondern auch innerhalb der EU eine direkte Konkurrenz zu den russischen Gasmengen – aufgrund der großen Anzahl an bestehenden LNG-Regasifizierungskapazitäten, den gut ausgebauten grenzüberschreitenden Pipelineverbindungen und weiter zunehmend liquiden Erdgasmärkten. Die künftige Preisstrategie Russlands ist jedoch nicht nur relevant für den künftigen EU-Angebotsmix, sondern ebenfalls bedeutsam für die Wirtschaftlichkeit des Pipelineprojekts Nord Stream 2.

Nord Stream 2 nur wirtschaftlich interessant bei kompetitiver Preisstrategie

Wenn Gazprom sich für eine kompetitive Preisstrategie entscheidet, dann ist der Bau der Nord Stream 2 bis zu einer Kapazität von 55 bcm profitabel (Abb. 3, links). Basierend auf der Annahme, dass die Transitgebühren für den Transport durch die Ukraine auf dem Level von 2016 bleiben, prognostiziert die COLUMBUS-Simulation, dass die Investition in Nord Stream 2 aus russischer Sicht sinnvoll ist, da hierdurch teure Transite durch die Ukraine umgangen werden.

Wenn Russland eine oligopolistische Preisstrategie verfolgt, prognostiziert die Simulation lediglich einen Investitionsbedarf von 13 bcm jährlicher Kapazität (Abb. 3, rechts). Diese Kapazität würde nicht einmal den Bau einer Röhre der Pipeline aus wirtschaftlicher Sicht rechtfertigen.

Die Transite durch die Ukraine würden in beiden Szenarien drastisch sinken. Dies ist insbesondere der Annahme bzgl. der Fortschreibung der vergleichsweise hohen ukrainischen Transitgebühren geschuldet. Diese geben Russland einen Anreiz, die Ukraine mittels neu gebauter Infrastruktur wie etwa der Nord Stream 2 zu umgehen und damit eine bessere Wettbewerbsfähigkeit auf dem EU-Erdgasmarkt zu erzielen.

Geringere Transitgebühren könnten die Profitabilität von Nord Stream 2 schwächen

Die Profitabilität von Nord Stream 2 ist somit in höchstem Maße von den ukrainischen Transitgebühren abhängig. Die Ukraine könnte die Profitabilität von Nord Stream 2 verringern und ein größeres Transitvolumen erreichen, indem sie ihre Entry/Exit-Gebühren reduziert. Wenn die Ukraine im Jahr 2035 die gleichen Tarife (real) wie im Jahr 2016 aufrufen würde, würden nahezu keine Transite mehr durch die Ukraine erfolgen, was umfangreiche Flüsse durch Nord Stream zur Folge hätte. Wenn die Ukraine hingegen ihre Tarife bspw. um 60 % senken würde, wäre der Business Case für das Pipelineprojekt Nord Stream 2 nicht mehr gegeben. In diesem Fall würden im Jahr 2035 immer noch mehr als 70 bcm Erdgas durch die Ukraine in die EU strömen (Abb. 4).

Allerdings betrachtet diese Analyse nur die ökonomischen Aspekte von Nord Stream 2. Selbst wenn die Ukraine die Transitgebühren auf null setzen würde, wäre es nicht auszuschließen, dass Russland aus strategischen und geopolitischen Gründen einen Bau von Nord Stream 2 bevorzugt, um den Transit durch die Ukraine umgehen zu können.

Nord Stream 2-Verbot kann Ukraine den Status als wichtiges Transitland sichern

Sollte der Bau der Nord Stream 2 nicht erfolgen, profitiert die Ukraine weiterhin von einem hohen Transitvolumen. In einem Szenario ohne Nord Stream 2 (sowie ohne jede weitere Pipeline durch das Schwarze Meer) ist Russland stark von ukrainischen Transiten abhängig. Unter Annahme der heutigen Transitgebühren würde das Transitvolumen im Jahr 2035 immer noch 56 bcm (im Vergleich zu 63 bcm in 2015) betragen, was wesentlich mehr wäre als bei einem Bau der Nord Stream 2 (Abb. 5).

Ohne einen Ausbau der Nord Stream 2 wäre die Ukraine in der Lage, ihre Transitgebühren weiter zu erhöhen und gleichzeitig ihre Transiterlöse zu steigern. Dies ist bspw. im Jahr 2025 der Fall (Abb. 6, links). Ohne Nord Stream 2 stünden mit der Yamal-Route und Nord Stream 1 für Russland keine hinreichenden Alternativen zur Ukraine-Route zur Verfügung, um Europa mit Gas zu versorgen und insbesondere bestehende Langfristlieferverträge zu erfüllen. Die Abhängigkeit Russlands von der Ukraine wäre also in 2025 ohne Nord Stream 2 sehr hoch.

Die in Abb. 6 dargestellte ceteris-paribus-Analyse verdeutlicht, dass die Ukraine einen Preissetzungsspielraum hinsichtlich seiner Transittarife besitzt und durch höhere Transittarife höhere Einnahmen erzielen könnte. Die europäischen Preise würden mit zunehmenden Transittarifen nur leicht ansteigen, was impliziert, dass in 2025 der Großteil der ukrainischen Erlöse durch entgangenen Erlösmargen von Russland beziehungsweise Gazprom getragen würden.

Anders gestaltet sich die Situation im Jahr 2035 (Abb. 6, rechts). Die Grafik impliziert, dass Russland seine Erdgasexporte in die EU reduziert, wenn die Ukraine ihre Transitgebühren anhebt. Allerdings könnte die Ukraine ähnliche Einnahmen erzielen wie in der jetzigen Situation, bis hin zu einem Anstieg der Gebühren um 40 %. Dann reduzieren sich die Einnahmen jedoch deutlich. Das könnte bedeuten, dass Russland die Menge soweit drosselt, dass ein Anstieg der Transitgebühren den Verlust der Einnahmen durch die geringere Menge nicht mehr kompensieren kann. Die Preise in Europa reagieren sehr sensibel auf einen Anstieg bzw. eine Reduzierung der ukrainischen Transitgebühren.

Dieser Zusammenhang lässt sich wie folgt erklären: Während in 2025 höhere ukrainische Transitgebühren die Profit-Marge von Russland reduzieren würden, würden sie in 2035 die Wettbewerbsfähigkeit russischen Gases gegenüber anderen Anbietern von Erdgas, wie z. B. LNG oder Gas aus dem Südlichen Gaskorridor verringern. Je höher die ukrainischen Transitgebühren, desto teurer wird die marginale Einheit russischen Erdgases sein, da aufgrund des Verbotes von Nord Stream 2 die Alternativen zum Transit durch die Ukraine fehlen. Daher würde Russland Marktanteile verlieren, wenn die Transitgebühren der Ukraine zu hoch werden.

Strategische Überlegungen bestimmen das Interesse an Nord Stream 2

Die modellbasierte Analyse hat gezeigt, dass das neue strategische Ungleichgewicht in den Gasbeziehungen zwischen Russland und Ukraine den Ausgangspunkt für das aktuelle Interesse Gazproms am Bau der Nord Stream 2-Pipeline bildet. Nord Stream 2 würde die Abhängigkeit Russlands von der Ukraine reduzieren und russischem Gas eine stärkere Wettbewerbsposition im umkämpften europäischen Gasmarkt in den nächsten Jahrzehnten verleihen. Ein Bau der Pipeline wäre – gegeben der aktuell bereits überdimensionierten bestehenden Transportkapazitäten insbesondere durch die Ukraine – in einem volkswirtschaftlichen Gesamtoptimum vermutlich nicht notwendig. Aufgrund der strategischen Abhängigkeiten Russlands von der Ukraine ist der Bau der Leitung aber aus einzelwirtschaftlicher Perspektive rational für Russland.

Dr. H. Hecking, Geschäftsführer, S. Schulte, M. Sc., wissenschaftlicher Mitarbeiter, EWI Energy Research & Scenarios gGmbH (ewi ER&S), Köln
Simon.Schulte@ewi.research-scenarios.de

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