Montag, 20. November 2017
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Energiewende im Wandel: „Old School“ und „New School“

Knut Kübler

Unter den Vorgaben der Energiewende, die viele als grundsätzlich unverrückbar eingestuft haben, gibt es eine, die unerwartet wieder offen ist: Sollen die politischen Rahmendaten eher so formuliert werden, dass der Stromverbrauch, wie im Energiekonzept 2010 beschrieben, sinkt? Oder sollen die Akzente besser so gesetzt werden, dass der Verbrauch wachsen kann, um einen verstärkten Einsatz von Strom im Wärmemarkt und im Verkehrsbereich möglich zu machen, was im Klimaschutzplan der Bundesregierung von 2016 als neues Ziel herausgestellt wurde? Eine Antwort auf diese Fragen berührt die Prinzipien der künftigen Strompreisbildung und die weitere Entwicklung der Energiewende.

Was ist eigentlich gemeint, wenn in Deutschland von der Energiewende die Rede ist? Manche glauben bei der Energiewende gehe es nur um eine Veränderung der Stromversorgung: Kernenergie und Kohle sollen durch erneuerbare Energien, insbesondere Windenergie und Solarenergie, ersetzt werden. Diese spezifische Wahrnehmung hat viel damit zu tun, dass die Politik in den letzten Jahren gerade auf diesem Feld besonders aktiv war und auch Erfolge vorweisen konnte [1].

Tatsächlich geht es bei der Energiewende aber um sehr viel mehr als nur um eine „Stromwende“. Es geht um den umfassenden und tiefgreifenden Umbau des Energiesystems. Das ultimative Ziel der Politik ist der Verzicht auf alle fossilen Energieträger oder – wie man heute sagt – eine Dekarbonisierung der Volkswirtschaft. Das steht im Grundsatz schon im Energiekonzept, mit dem die Bundesregierung ihre Energiepolitik im Jahr 2010 neu ausgerichtet hat [2].

Was aber „Dekarbonisierung“ schlussendlich bedeutet und welche Maßnahmen dazu auf den Weg gebracht werden müssen, das hat die Bundesregierung in größerer Klarheit in dem am 14.11.2016 im Kabinett verabschiedeten „Klimaschutzplan 2050“ beschrieben [3]. Wer will, kann die Bemühungen der Bundesregierung zur Präzisierung ihrer Politik auch an der Wahl der Titelüberschriften erkennen, aus dem „Konzept“ des Jahres 2010, also einem ungefähren Entwurf, ist in 2016 ein fester „Plan“ geworden.

Neue Daten, neue Einsichten, neue Politik

Die Bundesregierung hat sich nach der Bildung der ersten rot-grünen Koalition Ende der 1990er Jahre entschieden, ihre Politik immer mehr an quantitativen Vorgaben für die künftige Energieversorgung in Deutschland auszurichten [4]. Mittlerweile hat man mit dieser Politik einige Erfahrungen gemacht, und es ist interessant festzustellen, dass sich bestimmte Ziele, selbst wenn sie im Kabinett, also auf höchster Ebene, beschlossen wurden und damit Investoren in besonderer Weise Verlässlichkeit und Berechenbarkeit der Politik signalisieren sollten, auch wieder ändern können.

Das kann man gut durch eine Gegenüberstellung von Energiekonzept und Klimaschutzplan belegen. Es ist hier nicht der Raum, diese beiden Papiere im Detail zu untersuchen, daher kann hier nur ein Aspekt behandelt werden: die jeweilige Position der Bundesregierung in Bezug auf den künftigen Stromverbrauch in Deutschland.

Im Energiekonzept des Jahres 2010 hieß es noch: „Wir streben an, bis 2020 den Stromverbrauch gegenüber 2008 in einer Größenordnung von 10 % und bis 2050 von 25 % zu vermindern“. Dagegen steht im Klimaschutzplan des Jahres 2016: „Nach heutigem Kenntnisstand wird durch die immer stärkere Sektorkopplung der Strombedarf langfristig deutlich höher als heute liegen“. (Im regierungsinternen Entwurf zum Klimaschutzplan vom 21.6.2016 findet man noch genauere Vorgaben; dort kann man nachlesen: „Bis ca. 2050 wird der Stromverbrauch durch die Beiträge zur Dekarbonisierung in anderen Sektoren um etwa 200–250 TWh über dem heutigen Niveau liegen“ [5]).

Offensichtlich haben sich die Einschätzungen der Bundesregierung zur Zukunft des Strommarktes in nur sechs Jahren grundlegend verändert (Abb. 1). Statt einer Reduktion des Stromverbrauchs bis 2050 gegenüber 2008 um 25 % plant die Bundesregierung jetzt ein Wachstum um rd. 30 %. Studien, die den Grundgedanken des Klimaschutzplanes untersuchen, die Dekarbonisierung des Wärme- und Verkehrsmarktes noch stärker ausbauen, stellen sogar mehr als eine Verdopplung des Stromverbrauchs in Deutschland bis 2050 in den Raum [6]. Wie kann man diesen Wandel in den Erwartungen und Planungen erklären? Dazu einige Überlegungen.

2010, also zu einer Zeit als noch rd. 70 % der Stromerzeugung in Deutschland auf Basis der als klimaschädlich eingestuften Kohle bzw. der risikobehafteten Kernenergie erfolgte, war es politisch undenkbar, zugunsten einer Welt von „mehr Strom“ zu votieren. Im Gegenteil: Vorstellungen von der Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Reduktion des Stromverbrauchs waren weit verbreitet; sie entsprachen dem Zeitgeist.

Diese Grundlinie wurde nicht zuletzt auch durch die vielen Analysen unterstützt, die belegten, dass Strom, dort, wo er schon zum Einsatz kam, sehr viel effizienter genutzt werden konnte. Schließlich spielten bei der Festlegung der Rahmendaten für die künftige Energieversorgung die klassischen Argumentationslinien einer nachhaltigen Entwicklung eine wichtige Rolle. Ressourcenschonung und eine Begrenzung der Eingriffe in Umwelt und Natur hatten Priorität. Das alles macht die damalige Planung der Bundesregierung plausibel, den Stromverbrauch in Deutschland absolut zu reduzieren. Manche kennzeichnen diese Vorstellung heute mit dem symbolträchtigen Bild „Old School“.

Der Klimaschutzplan von 2016 folgt einem anderen Ansatz. Er unterstellt, dass die erneuerbaren Energien, vor allem Wind und Photovoltaik, in Deutschland so stark ausgebaut werden müssen, dass sowohl der Wärmebedarf in Gebäuden als auch der Energiebedarf im Verkehrsbereich ohne nennenswerte Begrenzungen gedeckt werden kann. Für diesen Ansatz hat sich ein neuer Begriff herausgebildet, die „Sektorkopplung“. Damit ist eine direkte Verbindung der Stromerzeugung mit allen energieverbrauchenden Sektoren – Industrie, Gewerbe, Haushalte und Verkehr – gemeint.

Der Begriff „Sektorkopplung“ spielt im Klimaschutzplan eine überragende Rolle. Wer sich die Mühe macht, den 90-seitigen Text durchzuarbeiten, wird feststellen, dass von der „Sektorkopplung“ an mehr als zehn unterschiedlichen Stellen die Rede ist (im Energiekonzept aus dem Jahr 2010 sucht man den Begriff „Sektorkopplung“ vergeblich). Mittlerweile wird argumentiert, dass ein wachsender Einsatz von Strom, die letzte und entscheidende logische Konsequenz der Energiewende sei. Diese Betrachtung rechtfertigt es, nunmehr von der Gedankenwelt einer „New School“ zu sprechen.

Das ökonomische Gesetz von Angebot, Nachfrage und Preis

So wie die Dinge liegen, kann man sagen, dass die Bundesregierung mit dem Klimaschutzplan einen zentralen Baustein aus dem Energiekonzept herausgenommen und durch eine neue Konstruktion ersetzt hat. Noch einmal: Der Stromverbrauch in Deutschland soll bis 2050 nicht mehr – wie bisher angenommen – um 25 % reduziert werden, sondern er soll um mehr als 30 % wachsen (zur energiewirtschaftlichen Einordnung dieser Daten siehe [7]).

Wachstum ist für die Akteure auf dem Strommarkt immer eine feine Sache. Man freut sich über Marktanteile, Umsatz und Rendite, daher braucht man darüber nicht viel zu reden. Mehr Wachstum von erneuerbarem Strom bedeutet auch mehr Kapazitäten bei den traditionellen Energien, die bereitstehen müssen, um die Stromversorgung auch bei Dunkelheit und Windstille zu sichern (jedenfalls so lange, bis das Problem der Stromspeicherung gelöst ist). Auch diese Konsequenz liegt klar auf der Hand und braucht nicht näher erläutert zu werden. Sehr viel interessanter ist es aber, sich einmal mit einer der wichtigsten Voraussetzungen für eine solche Entwicklung zu befassen, über die wenig gesprochen wird: Die Rede ist von dem Strompreis.

Wer die ökonomische Theorie konsultiert (nicht mehr alle in der Politik tun das heute noch) lernt schnell, dass Nachfrage und Preis für ein bestimmtes Gut untrennbar zusammenhängen. Für jede Konstellation der Nachfrage gibt es einen Preis. Und zu jedem Preis gibt es eine Nachfrage. Schließlich wissen wir: Sinkt der Preis, steigt die Nachfrage; steigt der Preis, geht die Nachfrage zurück.

Leser, denen diese Erläuterungen zu abstrakt sind, können sich durch einen Blick auf historische Entwicklungen eine zusätzliche Orientierung verschaffen. Von besonderem Interesse sind dabei die Verhältnisse für die privaten Haushalte, die ja bei einer Kalkulation für oder wider eine „Sektorkopplung“ das Heft des Handelns in der Hand haben: Dort wird entschieden, ob Strom bei der Wärmeversorgung eine Rolle spielen wird und ob das Elektroauto eine Zukunft hat.

Was also sagen die Daten zur Stromverbrauchsentwicklung der privaten Haushalte in Deutschland? In einfachster Form lautet die Antwort wie folgt (Abb. 2):

  • 1950 betrug der Stromverbrauch pro Haushalt 200 kWh/a. Bis Mitte der 1980er Jahre ist der Verbrauch ziemlich kontinuierlich auf gut 3.600 kWh angestiegen.
  • Von 1990 bis 2010 stagnierte der Stromverbrauch mit leichten Schwankungen in etwa auf dem gleichen Niveau.
  • Seit 2010 kann man eine Tendenz zu einem rückläufigen Stromverbrauch beobachten. 2016 lag der Verbrauch bei 3.217 kWh/a und damit rd. 10 % unter dem bisherigen Höchstwert von 1987.

Der gewaltige Anstieg des Stromverbrauches in den Haushalten hatte viele Ursachen. Wichtig waren vor allem technologische Entwicklungen, steigende Einkommen, die den Kauf von immer mehr stromverbrauchenden Geräten möglich gemacht haben, und schließlich – was hier in den Mittelpunkt gestellt werden soll – stark rückläufige Strompreise (Abb. 3).

1950 mussten die Haushalte in Deutschland für Strom rd. 75 ct/kWh bezahlen (alle Angaben in Preisen von 2010). Danach ging der Preis drastisch zurück. 1980 mussten die Haushalte nur noch etwas mehr als 18 ct/kWh bezahlen. Der Strompreis verharrte von 1980 bis 2000 in etwa auf diesem relativ günstigen Niveau und begann erst dann wieder leicht anzusteigen. 2016 zahlten Haushalte in Deutschland für Strom mit 26,52 ct/kWh real nahezu den gleichen Betrag wie zuletzt Ende der 1960er Jahre. Wer die aktuelle Entwicklung verfolgt, weiß, dass die Zahl für 2016 bereits überholt ist. Erste Daten für 2017 lassen einen weiteren Anstieg des Strompreises um 3 bis 4 % erwarten.

Zur Zukunft der Strompreise in Deutschland

Eine „optische Inspektion“ von Stromverbrauch und Strompreis bestätigt sehr anschaulich das, was die ökonomische Theorie unterstellt und empirische Untersuchungen vielfach bestätigen, dass Stromverbrauch und Strompreis zusammenhängen. Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: „Der empfindlichste Körperteil des Menschen ist nun mal der Geldbeutel“. Wir wissen allerdings auch, dass die sog. Strompreiselastizität, also das Verhältnis von relativer Änderung des Verbrauchs zu der relativen Änderung des Preises, klein ist. Neuere Untersuchungen schätzen die langfristige Strompreiselastizität für die privaten Haushalte auf –0,4 [8].

Bezogen auf unsere Fragestellung bedeutet das: Eine Senkung des realen Strompreises um 1 % würde langfristig eine Verbrauchssteigerung um 0,4 % nach sich ziehen. Nun ist im Klimaschutzplan die Rede von einem Anstieg des Stromverbrauchs bis 2050 um 30 %. In der einfachsten Modellrechnung, die man sich vorstellen kann, würde das eine Senkung des realen Strompreises um 75 % (!) implizieren. Der Leser versteht, dass diese Zahl nur der Illustration dient. Gesagt werden soll an dieser Stelle nur soviel: Die Elektrifizierung der gesamten deutschen Volkswirtschaft setzt eine Reduzierung der Strompreise voraus.

Über den künftigen Strompreis in Deutschland zu spekulieren, ist ein weites Feld. Über technologische und ökonomische Entwicklungen kann man einige Mutmaßungen anstellen. So wie aber die Dinge liegen, werden die politischen Rahmendaten die zentrale Rolle spielen. Eine Entscheidung zugunsten der „Sektorkopplung“ bedeutet nichts anderes, als dass die Bundesregierung nach einem Weg in eine „Welt niedrigerer Strompreise“ suchen muss. Der erste Schritt auf diesem Weg besteht darin, die vorhandenen Belastungen des Strompreises mit Abgaben, Umlagen und Steuern auf den Prüfstand zu stellen. Hier gibt es vielfältige Entlastungsmöglichkeiten, wie die aktuelle Zusammensetzung des Strompreises zeigt (siehe Tabelle). Nicht allen ist immer bewusst, dass heute mehr als 50 % des Strompreises für private Haushalte auf Abgaben, Umlagen und Steuern entfallen.

Tab.: Zusammensetzung des Strompreises für Haushalte in 2016
ct/kWh Anteil (%)
Beschaffung, Vertrieb 6,15 21,41
Netzentgelte 7,06 24,58
Zwischensumme Erzeugungskosten 13,21 45,98
Mehrwertsteuer 4,59 15,98
Konzessionsabgabe 1,66 5,78
EEG-Umlage 6,354 22,12
KWK-Aufschlag 0,445 1,55
§19 StromNEV-Umlage 0,378 1,32
Offshore-Haftungsumlage 0,04 0,14
Stromsteuer 2,05 7,15
Zwischensumme Abgaben, Umlagen, Steuern 15,52 54,02
Summe 28,73 100,00
Quelle: BDEW, durchschnittlicher Strompreis bei einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh

Bemerkenswert ist nun, dass selbst ein vollständiger Verzicht auf alle heute anfallenden Abgaben, Umlagen und Steuern nicht ausreichen würde, um den erneuerbaren Energien zu einem Durchbruch zu verhelfen. Das kann man anhand eines einfachen Beispiels belegen. Wenn etwa jemand darüber nachdenkt, seine Küche zu „dekarbonisieren“, d. h. den vorhandenen Gasherd durch einen Elektroherd zu ersetzen, wird er folgende Energiepreise in Kalkül ziehen. Für Erdgas sind 6,86 ct/kWh zu bezahlen. Strom kostet einschließlich Abgaben, Umlagen und Steuern 28,73 ct/kWh. Bei dieser Differenz ist ein Umstieg von Gas auf Strom nicht zu erwarten. Aber auch ohne Abgaben, Umlagen und Steuern würde der Strom immer noch 13,21 ct/kWh kosten, also nahezu so viel doppelt so viel wie Erdgas.

Wer staatlicherseits empfiehlt, den Stromanbieter zu wechseln, um die finanziellen Belastungen durch die Energiewende zu begrenzen und ein paar Euro zu sparen, wird bei solchen Preisrelationen kaum glaubhaft für einen Umstieg von Gas auf Strom werben können. Man sieht: Wenn die Bundesregierung Gas im Wärmemarkt durchgängig durch Strom ersetzen will, muss sie neben der Entlastung des Strompreises weitere Maßnahmen ins Auge fassen. In Frage kämen gezielte Subventionen und/oder eine zusätzliche steuerliche Belastung des Gasverbrauchs.

Von dem Verständnis dieser einfachen Zusammenhänge ist es nicht mehr weit zu der Einsicht, dass die Politik im Zuge der Energiewende ganz offensichtlich zu einer Reform des gesamten Energiepreis- und Finanzierungssystems gezwungen wird. Immer deutlicher wird verstanden, dass die Finanzierung der Energieversorgung durch erneuerbare Energien einschließlich der notwendigen Infrastruktur eine Gemeinschaftsaufgabe ist, die eine selektive und differenzierte Einflussnahme des Staates auf die Energiepreise notwendig macht. So wird man über unterschiedliche Steuersätze und Tarife nachdenken müssen, nicht nur zugeschnitten auf der Art des Energieträgers, sondern auch auf die Art der Anwendung (Umwandlung, Speicherung, direkter Verbrauch), auf die zeitliche Nutzung und gegebenenfalls auch unterschiedlich nach Regionen.

Der Umbau der Energieversorgung wird auch eine völlig neue Sicht auf die preisbildenden Mechanismen von fixen Kosten (Leistungspreis) und variablen Kosten (Arbeitspreis) notwendig machen. Letztlich geht es bei dem ganzen Verfahren darum, durch entsprechende Systeme, Parameter und Spezialregelungen – so gut es in einer Welt staatlicher Planung und Steuerung irgend geht – sicherzustellen, dass die Preise die „Wahrheit sagen“, d. h. die wirklichen Kosten wiederspiegeln und so auf lange Sicht Fehlinvestitionen und unsinnige Kaufentscheidungen vermieden werden.

Auch wenn man die Details eines derartigen Umbaus heute noch nicht überschauen kann, ist klar, dass es sich bei der geplanten „Energiepreisreform“ um ein großes Vorhaben handelt; so groß, das man sich nicht wundern muss, wenn manche, die mit der Komplexität des deutschen Steuersystems vertraut sind, auf solche Überlegungen mit einem gewissen Schmunzeln reagieren. Angesichts der offensichtlichen Herausforderungen sollte man sich auch vor der voreiligen Schlussfolgerung hüten, alles werde sich – so wie geplant – umsetzen lassen; es sind auch ganz andere Entwicklungen möglich [9]. Schließlich gibt es Beobachter, die es als Ironie der Geschichte sehen, dass man jetzt, nach der vermeintlich so erfolgreichen ersten Etappe der Energiewende, darüber nachdenkt, sich von dem bewährten Grundprinzip, einer Finanzierung der erneuerbaren Energien über den Strompreis, zu lösen und stattdessen wieder auf eine Finanzierung über die öffentlichen Haushalte setzt – mit allen damit verbundenen Unberechenbarkeiten.

Nachhaltige Entwicklung in einer „All-Electric-World“

Zum Schluss kann man die Frage stellen, ob die Wahl zwischen „Old School“ und „New School“ in Deutschland endgültig entschieden ist: Soll der Stromverbrauch wirklich wieder deutlich wachsen? Erstaunlicherweise ist diese Frage nicht ohne Weiteres zu beantworten. Dazu muss man nur einen kurzen Blick auf eine aktuelle Entscheidung der Bundesregierung werfen.

In der „Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie – Neuauflage 2016“, die das Kabinett am 11.1.2017 (also gut zwei Monate nach den Entscheidungen zum „Klimaschutzplan 2050“) verabschiedet hat, taucht unvermutet wieder das Ziel auf, den Stromverbrauch in Deutschland bis 2050 gegenüber 2008 um 25 % zu vermindern [10]. Sollte damit ein erneuter strategischer Wechsel angedeutet werden? Ungewöhnlich wäre das nicht. Alle, die mit der historischen Entwicklung vertraut sind, wissen, dass es zur Tradition in der deutschen Energiepolitik gehört, immer wieder alte Grundsätze zur Seite zu schieben, mit großem Eifer neuen Lehrmeinungen zu folgen, um dann alsbald weitere Positionswechsel vorzunehmen.

Wenn man lange genug nachdenkt, kann man zu der Einsicht gelangen, dass eine „Sektorkopplung“, d. h. eine Elektrifizierung des Wärmemarktes und des Verkehrssektors durchaus mit dem Ziel einer Reduktion des Stromverbrauchs verbunden werden kann, jedenfalls theoretisch. Denkbar wäre das etwa in einer Welt mit neuen Energietechnologien, grundlegenden Veränderungen unseres Wirtschaftssystems und heute kaum zu übersehenden Regelungen zur Einsparung von Strom. Das Wichtigste wären aber natürlich deutliche höhere Strompreise. Angesichts knapper Ressourcen und im Interesse von Umwelt und Natur könnte man durchaus eine Politik gut begründen, die das Ziel hat, die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien zu begrenzen bzw. auf lange Sicht zu reduzieren. Ganz offensichtlich umfasst das „Gebot einer Nachhaltigen Entwicklung“ mehr als den heute so sehr in den Vordergrund gestellten „Schutz der Erdatmosphäre“.

Strategie oder Büroversehen?

Sicher ist in jedem Falle, dass Deutschland mit der Entscheidung für eine solche „Super-Energiewende“ („Sektorkopplung“ plus „Reduktion des Stromverbrauchs“) die internationale Gemeinschaft tief beeindrucken könnte und sich vermutlich an die Spitze der weltweiten Bemühungen bei der Umsetzung der 17 globalen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen setzen würde [11].

Ob die Bundesregierung einen solchen Gedanken vor Augen hatte, als sie Anfang 2017 das Ziel einer Reduktion des Stromverbrauchs erneut ins Spiel gebracht hat? Oder ist die Textpassage in der „Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie“ nur das Ergebnis eines Büroversehens in politisch turbulenten Zeiten? Wer weiß das schon.

Anmerkungen

  1. 2010, bei der Verabschiedung des Energiekonzepts, betrug der Anteil der erneuerbaren Energien an der Bruttostromerzeugung nur 6,2 %; 2016 liegt der Wert bei rd. 30 %.  ↩

  2. BMWi, BMU: Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung, Berlin, 28.9.2010.  ↩

  3. BMUB: Klimaschutzplan 2050, Kabinettbeschluss vom 14.11.2016.  ↩

  4. Kübler, K.: Energiekonzept, Mathematik und zweifelhafte Erwartungen. In: „et“ 63. Jg. (2013) Heft 1/2, S. 73–78.  ↩

  5. BMUB: Klimaschutzplan 2050, Entwurf Stand: 21.6.2016 (abgerufen am 28.6.2017 unter http://images.klimaretter.info/filestore/1/7/7/2/0_05a64be919580a6/17720_c8de73a39d29dbf.pdf?v=2016–06–29+10 %3A10 %3A09)  ↩

  6. Quaschning, V.: Sektorkopplung durch die Energiewende, Berlin, 20.6.2016.  ↩

  7. 2016 lag der Bruttostromverbrauch in Deutschland bei 594 TWh. Der relevante Energiebedarf im Wärmesektor wird auf 711 TWh und im Verkehrssektor auf rd. 686 TWh geschätzt. Im Energiekonzept aus dem Jahr 2010 wurde für 2050 ein Stromverbrauch in Höhe von 461 TWh angestrebt (25 % weniger als 2008). Die Vorgaben im Klimaschutzplan des Jahres 2016 laufen im Jahr 2050 auf einen Verbrauch in einer Bandbreite von 784 und 844 TWh hinaus (200 bis 250 TWh über dem heutigen Niveau bzw. mehr als 30 % über dem Wert des Ausgangsjahres 2008). Quaschning gibt in seiner Studie zur „Sektorkopplung“ für 2050 einen Verbrauch von 1.320 TWh an.  ↩

  8. Madlener, R. u. a.: Econometric Estimation of Energy Demand Elasticities. In: E.ON Energy Resarch Center Series, Volume 3, Issue 8, Aachen 2011.  ↩

  9. Kübler, K.: Wendigkeit – ein vernachlässigtes Ziel der Energiepolitik. In: „et“, 66. Jg. (2016) Heft 1/2, S. 36–42.  ↩

  10. Bundesregierung: Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie – Neuauflage 2016, Berlin 2017, S. 114.  ↩

  11. United Nations: The Sustainable Development Goals Report 2016, New York 2016.  ↩

Dr. K. Kübler, Rheinbach kmkue@web.de

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