Montag, 10. Dezember 2018
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Konsequenzen eines beschleunigten Braunkohleausstiegs

Thilo Schaefer
Bild: Fotolia | luzitanija

Ein forcierter Ausstieg aus der Braunkohleverstromung in Deutschland beschleunigt den ohnehin laufenden Strukturwandel. Neu beschlossene nationale Klimaschutzziele und sektorale Emissionsminderungspfade verändern die politisch gesetzten Rahmenbedingungen für die Braunkohleförderung und -verstromung. Diese Entwicklung erhöht die Anforderungen an die Gestaltung und den zeitlichen Ablauf des Strukturwandels erheblich. Dabei steigt die Gefahr, dass es zu Strukturbrüchen kommt, enorm – mit erheblichen negativen Folgen für Bruttowertschöpfung und Arbeitsplätze.

In Deutschland wird um das Ende der Braunkohleverstromung gerungen. Abwechselnd demonstrieren Befürworter eines beschleunigten Ausstiegs und dessen Gegner in den deutschen Revieren. Denn es geht um viel: Auf der einen Seite stehen die Klimaschutzziele der Bundesregierung. Auf der anderen stehen zahlreiche Arbeitsplätze in der Braunkohlewirtschaft und in den Branchen, die davon abhängen. Ob der Braunkohleausstieg in Deutschland kommt, steht dabei gar nicht mehr zur Debatte. Neue Kraftwerke werden in Deutschland nicht mehr gebaut.

An anderen Orten der Welt zeigt sich dagegen ein völlig anderes Bild. China und Indien bauen enorme Kapazitäten für die Braunkohleverstromung auf. Etwa 140 GW sollen die in Bau befindlichen Kraftwerke leisten können, ein Mehrfaches dieser Leistung ist allein in diesen beiden Ländern in der Planung [1]. Und das, nachdem bereits ein Teil der geplanten Kapazitäten aus Klimaschutzgründen aus der Planung genommen wurde. Denn China und Indien sind die beiden Länder, deren Treibhausgasemissionen in den letzten Jahren am schnellsten gestiegen sind.

Erhöhung der Stromkosten

Bereits durch die im März 2018 beschlossene Reform des europäischen Emissionshandels (EU-ETS), durch die sich das Angebot an CO2- Emissionensrechten in den nächsten Jahren stärker als bislang geplant vermindern wird, werden sich die Stromkosten in Deutschland erhöhen. Davon betroffen sind private und gewerbliche Verbraucher und insbesondere die energieintensive Industrie. Schon ohne die Ziele des Klimaschutzplans werden der Ausbau der erneuerbaren Energien, das sinkende Angebot an Emissionsberechtigungen im EU-ETS und die nach den Revierplänen auslaufenden genehmigten Kohlevorräte der Tagebaue spätestens in den 2030er und 2040er Jahren dazu führen, dass Braunkohlekraftwerke nach und nach aus dem Markt ausscheiden. Dadurch werden die Strompreise steigen und Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Braunkohlewirtschaft zurückgehen. Ebenfalls betroffen sind Zulieferer und vorgelagerte Branchen, denen mit der Braunkohlewirtschaft ein wichtiger Kunde verloren gehen wird.

Die Umsetzung des Klimaschutzplans mit den darin beschlossenen Sektorzielen für 2030 würde dazu führen, dass der Kohleausstieg früher stattfände. Die Kraftwerke müssten schon vor dem Ende der heute geplanten Laufzeiten ihre Stromproduktion einstellen. Ein beschleunigter Rückgang der Kohleverstromung verursacht zusätzliche Kosten. Dies betrifft unmittelbar den Bruttoproduktionswert der Braunkohlewirtschaft und mittelbar den der Vorleistungsbranchen. Über den Zeitraum von 2020 bis 2040 ist mit einem kumulierten Rückgang von knapp 98 Milliarden Euro Bruttoproduktionswert zu rechnen [2]. Bei der Bruttowertschöpfung, also nach Abzug der Vorleistungen, liegt der Verlust im selben Zeitraum bei insgesamt über 41 Milliarden Euro (Abb. 1). Hinzu kommen Kosten, die sich durch eine dann voraussichtlich notwendige Anpassung der Genehmigungen und Betriebspläne der Tagebaue ergeben würden. 


Abb. 1 Entwicklung der Bruttowertschöpfung insgesamt – Angaben in Millionen Euro
Quellen: Statistisches Bundesamt (2018); DEBRIV (2018); Institut der deut-schen Wirtschaft (2018)

Braunkohlewirtschaft – hohe Bedeutung für den Wirtschaftskreislauf

Die Braunkohlewirtschaft hat aufgrund ihrer Vorleistungsintensität eine hohe Bedeutung für den Wirtschaftskreislauf und die Arbeitsplätze, vor allem in den Braunkohleregionen. Unmittelbar in der Braunkohlewirtschaft sind bundesweit fast 21.000 Personen beschäftigt. Berücksichtigt man zusätzlich die Arbeitsplätze in den Vorleistungsbranchen und die durch die Konsumausgaben der Beschäftigten induzierten Effekte, resultieren hieraus über 62.000 Beschäftigungsverhältnisse, die direkt und indirekt an der Braunkohlewirtschaft hängen. Diese Zahl erhöht sich auf 72.000 Beschäftigte, wenn die Investitionen, die die Braunkohlewirtschaft tätigt, miteinbezogen werden [3].

Die Beschäftigung wird bereits ohne die nationalen Sektorziele aus dem Klimaschutzplan sinken, jedoch ist mit einem deutlichen Rückgang erst nach 2030 zu rechnen. Soll das nationale Klimaschutzziel 2030 erreicht werden, läge die Zahl der Beschäftigten in der Braunkohlewirtschaft und den davon abhängigen Branchen um fast 39.000 niedriger als ohne Sektorziel. Bereits bis 2025 würde dies eine Halbierung der Arbeitsplätze bedeuten. Bis 2030 wären schon mehr als zwei Drittel der heutigen Arbeitsplätze weggefallen (Abb. 2).


Abb. 2 Entwicklung der Beschäftigung insgesamt – Angaben in Personen
Quellen: Statistisches Bundesamt (2018); DEBRIV (2018); Institut der deut-schen Wirtschaft (2018)

Das 2030-Sektorziel für die Energiewirtschaft führt demnach zu einem erheblich schnelleren Rückgang der Braunkohleverstromung und einem deutlich vorgezogenen Arbeitsplatzabbau – nicht nur in der Braunkohlewirtschaft, sondern auch in den Vorleistungsbranchen. Die Analyse der Strukturwandelvoraussetzungen in den einzelnen Revieren zeigt, dass derzeit keine Strukturen bestehen, die einen durch das Sektorziel 2030 verursachten abrupten Strukturwandel auffangen können. Die bestehenden Strukturen werden weder im Hinblick auf die Beschäftigung noch auf die Wertschöpfung innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Beitrag leisten können, der die heutigen Beiträge der Braunkohlewirtschaft ersetzen kann. Dies bestätigen auch Experteninterviews mit Unternehmen und Akteuren der regionalen Wirtschaftspolitik und Regionalplanung in den Revieren.

Insbesondere im mitteldeutschen Revier und mehr noch in der Lausitz haben die Braunkohlewirtschaft und damit mittelbar verbundene Branchen hohe Wertschöpfungs- und Beschäftigungsanteile in der Region, ohne dass es nennenswerte Alternativen gibt. Selbst dort, wo andere Branchen Fachkräftebedarfe anmelden, sind in der Regel andere Qualifikationen gefragt. In Nordrhein-Westfalen ist zudem der Strukturwandel infolge des Ausstiegs aus dem Steinkohlebergbau noch nicht vollzogen. Hinzu kommt dort, dass die in der Nachbarschaft angesiedelte energieintensive Industrie durch in der Folge des Kohleausstiegs steigende Strom- und Emissionshandelspreise selbst in ihrer Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt ist.

Erheblicher Abbau an Bruttowertschöpfung und Arbeitsplätzen

Durch einen beschleunigten Braunkohleausstieg würde es in allen Revieren bereits bis 2030 zu einem erheblichen Abbau an Bruttowertschöpfung (Abb. 3) und Arbeitsplätzen (Abb. 4) kommen. Im Rheinischen Revier würde sich bei der Weiterentwicklung mit dem bestehenden EU-ETS der stärkste Rückgang erst nach 2030 abzeichnen. Ein beschleunigter Kohleausstieg würde dagegen schon zwischen 2020 und 2025 für den stärksten Rückgang bei Bruttowertschöpfung und der Beschäftigung sorgen. Im Mitteldeutschen Revier würde sich bei der Fortschreibung des EU-ETS der stärkste Rückgang zwischen 2035 und 2040 abspielen, während bei einem beschleunigten Ausstieg bereits zwischen 2025 und 2030 der stärkste Rückgang stattfinden würde. Im Lausitzer Revier sieht es so aus, dass der stärkste Rückgang im Szenario mit der ETS-Entwicklung zwischen 2030 und 2035 am deutlichsten ausfallen würde. Im Szenario eines beschleunigten Kohleausstiegs würde der stärkste Rückgang hingegen schon zwischen 2025 und 2030 erfolgen.


Abb 3a Entwicklung der Bruttowertschöpfung insgesamt nach Revieren - Angaben in Millionen Euro
Quellen: Statistisches Bundesamt (2018); DEBRIV (2018); Institut der deutschen Wirtschaft (2018)



Abb 3b Entwicklung der Bruttowertschöpfung insgesamt nach Revieren - Angaben in Millionen Euro
Quellen: Statistisches Bundesamt (2018); DEBRIV (2018); Institut der deutschen Wirtschaft (2018)



Abb. 4a Entwicklung der Beschäftigung insgesamt nach Revieren – Angaben in Personen
Quellen: Statistisches Bundesamt (2018); DEBRIV (2018); Institut der deutschen Wirtschaft (2018)


Abb. 4b Entwicklung der Beschäftigung insgesamt nach Revieren – Angaben in Personen
Quellen: Statistisches Bundesamt (2018); DEBRIV (2018); Institut der deutschen Wirtschaft (2018)

Ein beschleunigter Ausstieg aus der Braunkohleverstromung wirkt als zusätzliche Belastung eines ohnehin herausfordernden Entwicklungsprozesses in den Revieren. Eine Änderung der bisherigen Perspektiven der Braunkohleverstromung durch einen beschleunigten Kohleausstieg bedeutet schließlich nicht erst die Einleitung eines Strukturwandels, sondern eine erhebliche Beschleunigung der ohnehin laufenden derzeitigen Prozesse. Durch die neu festgesetzten nationalen Klimaschutzziele und sektoralen Emissionsminderungspfade ändern sich die politisch gesetzten Rahmenbedingungen für die Braunkohleförderung und verstromung. Diese Entwicklung erhöht die Anforderungen an die Gestaltung und den zeitlichen Ablauf des Strukturwandels erheblich. Dabei potenziert sich die Gefahr, dass es zu Strukturbrüchen kommt. Die Auswirkungen derartiger Strukturbrüche bestehen nicht nur in einer viel schnelleren Verringerung von Beschäftigung und Wertschöpfung in den Revieren, sondern auch in deutlichen negativen Effekten für die vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereiche und in einer Beeinträchtigung des geordneten Ablaufs von Abbau, Abschluss und Rekultivierung der heute offenen Tagebaue.

Strukturwandel braucht Zeit!

Strukturwandel braucht Zeit; das zeigen Erfahrungen aus vergleichbaren Prozessen. Blaupausen für einen Strukturwandel, in dem die durch das Klimaschutzplan-Ziel bewirkten zusätzlichen Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzverluste bis 2030 erfolgreich kompensiert werden könnten, liegen nicht vor.

Damit drohen bei einem durch das 2030-Ziel beschleunigten Kohleausstieg Strukturbrüche mit unabsehbaren Konsequenzen für die betroffenen Regionen und die dort arbeitenden und lebenden Menschen. In allen Regionen sind die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Strukturwandel heute nicht gegeben. Vorschläge für Maßnahmen zur Bewältigung eines beschleunigten Strukturwandels, die nur auf die Konservierung der derzeitigen Wirtschaftsstruktur abzielen, greifen daher zu kurz. Die bloße Kompensation entfallender Wertschöpfung bietet noch keine Perspektive auf eine positive Strukturentwicklung und vernachlässigt die heutigen Anstrengungen im bestehenden Strukturwandel der Regionen. Zudem ist fraglich, ob und welche Maßnahmen innerhalb einer verkürzten Frist für den Weiterbetrieb der Braunkohlewirtschaft erfolgreich durchgeführt werden könnten. Sie müssen zudem in einem höheren Tempo vollzogen werden.

Anstatt kurzfristige nationale Ziele zu verfolgen wäre die deutsche Klima- und Energiepolitik deshalb gut beraten, europäische Klimaschutzinstrumente zu stärken und die Integration der Energiesysteme und -netze voranzutreiben. Strukturbrüche in den betroffenen Regionen und in der Energieversorgung gilt es zu vermeiden. Vielmehr muss es darum gehen, den Strukturwandel und den Umbau des Energiesystems intelligent und tragfähig zu gestalten.

Hier können Sie den gesamten Artikel (PDF) herunterladen

Quellen

[1] Mercator Research Institute: Das Ende der Kohle unter Dach und Fach bringen, MCC-Kurzdossier Nr. 4/2018, Berlin.

[2] Institut der deutschen Wirtschaft: Folgenabschätzung Klimaschutzplan, IW-Gutachten, Köln 2018.

[3] Statistik der Kohlewirtschaft: Beschäftigte in der Braunkohlenindustrie in Deutschland, 2018; Institut der deutschen Wirtschaft, a.a.O.
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Dr. T. Schaefer, Leiter des Kompetenzfelds Umwelt, Energie, Infrastruktur, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Köln

thilo.schaefer@iwkoeln.de

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