Freitag, 21. Juli 2017
-   ZUKUNFTSFRAGEN

Den globalen Wandel interdisziplinär erforschen – 40 Jahre IIASA

Franz Lamprecht

Bei der Transformation von Energiewirtschaften in verschiedenen Ländern der Welt spielt die Wissenschaft eine herausragende Rolle. Man findet jedoch in der heutigen Wissenschaftslandschaft nicht selten in die Regierungspolitik eingebettete wissenschaftliche Institutionen und Forscher. Diese wiederum entwickeln Szenarien, die nicht untersuchen, was die politischen Zielsetzungen zu einer Problemlösung taugen, sondern auftragsgemäß, wie die auf mal mehr, mal weniger guter methodischer Basis gesetzten Ziele instrumentell erreicht werden können. Eine ggf. erforderliche Nachjustierung der Ziele bleibt dabei außen vor. Angesichts dessen sind unabhängige und interdisziplinäre Forschungseinrichtungen wie das Internationale Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) wichtige Inseln im Strom der Forschung.

Im Oktober 1972 traf sich ein illustrer Kreis von Vertretern der Sowjetunion, den USA und zehn weiteren Ländern des westlichen und östlichen Blocks, um eine Urkunde zur Gründung von IIASA zu unterzeichnen. Es gibt heute 20 IIASA-Mitgliedsländer weltweit. Hauptmotivation war wohl, dass der Lösung drängender globaler Probleme das Kräftegleichgewicht des Kalten Krieges entgegenstand. Zentrale Aufgabe des Forschungsinstituts war es zunächst, eine wissenschaftliche Brückenfunktion zwischen Ost und West einzunehmen.

Nach den politischen Umbrüchen im Osten geriet diese Aufgabe in den Hintergrund und so wurde 1994 von einer Ministerkonferenz beschlossen, dass IIASA unabhängige wissenschaftliche Forschung aus einer globalen Perspektive heraus betreiben sollte. 2009 schließlich wurde vom Aufsichtsrat ein neuer Zehn-Jahre-Forschungsplan verabschiedet, dessen Schwerpunkt auf dem globalen Wandel liegt. Seitdem arbeiten die Wissenschaftler (heute 200 aus über 50 Ländern) in Laxenburg bei Wien daran, „mit Hilfe der angewandten Systemanalyse Lösungen für globale und universelle Probleme zum Wohl der Menschen, der Gesellschaft und der Umwelt zu finden, und die daraus resultierenden Erkenntnisse und Richtlinien den politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung zu stellen“. Und das mit Bravour, bis heute sind aus dieser Wissenschaftsschmiede vier Nobelpreisträger hervorgegangen.

Heute ist IIASA in den zentralen Zukunftsfeldern wie Energie und Klimawandel, Ernährung und Wasserversorgung sowie Armut und Verteilungsgerechtigkeit tätig und auf diesen Gebieten weltweit anerkannt. Markenzeichen aller Forschungsanstrengungen ist Exzellenz, Interdisziplinarität und Internationalität. Zu den herausragenden Leistungen der letzten Jahrzehnte zählt vor allem die Entwicklung und permanente Verbesserung von Methodologien und Entscheidungshilfesystemen, insbesondere auch für die Energiewirtschaft.

Paradigmenwechsel: Positive „story“ statt Drohkulisse

Wissenschaft arbeitet, um sich Gehör zu verschaffen, gerne mit Drohkulissen bzw. eher negativen „stories“. Das kann auch damit zu tun haben, dass aus Sicht der Medien „only bad news“ die nötige Aufmerksamkeit beim Nutzer bekommen. Al Gores unbequeme Wahrheiten mögen ein Beispiel hierfür sein. Das muss sich ändern. IIASA-Chef Pavel Kabat sprach auf dem Jubiläumskongress vielen Teilnehmern aus dem Herzen, indem er forderte, „positive Geschichten zu erzählen und mehr über die sich aus den Problemen der Welt ergebenden Chancen zu sprechen“. Und sein Stellvertreter Nebosja Nakicenovic legte nach: „Wir sollten nicht über die Krise der alten, sondern über die Vorteile der neuen Welt sprechen.“

Es bestand Konsens darüber, dass man Widerstände gegen Reformen am besten dadurch überwinden könnte, indem man für eine „Glaubensänderung“ bei den Menschen sorgt. Ein allgemeines Rezept gibt es dafür aber nicht. Ein konkretes Beispiel lieferte der Leiter des IIASA World Population Programs, Wolfgang Lutz, mittels einer Analyse von 600 Bevölkerungsprognosen bis zum Jahr 2100. Diese kommen in ihrer pessimistischsten Form auf 12 Mrd. Menschen bis dorthin und gehen im Mittelwert von einem Anstieg der Weltbevölkerung auf 9 Mrd. im Jahr 2050 aus. Statt die Katastrophe einer starken Überbevölkerung an die Wand zu malen, kann man nach Lutz eine positive Geschichte daraus machen, wenn man zeigt, dass die Menschen es selbst in der Hand haben, die Zukunft zu gestalten: Bezieht man nämlich in die Prognosen den die Geburtenrate beeinflussenden Bildungsstand der Menschen (gebildetere Frauen gebären weniger Kinder) ein und würden alle Nationen das Bildungsniveau stark steigern, würde die Weltbevölkerung nach der Jahrhundertmitte nur noch leicht wachsen und könnte bis 2100 sogar unter den heutigen Wert sinken.

Ein weiterer wichtiger Punkt für „good news“ ist, die Dinge auch andersherum als üblich zu sehen. Wie zum Beispiel die Generaldirektorin des Center for International Forestry Research (CIFOR) Frances Seymour, für die „die beste Sache für das Klima nicht ist, einen Baum zu pflanzen, sondern die schlechteste Sache, einen Baum zu fällen.“ Ebenso falsch, wenn auch stark verbreitet, sei es, zu glauben, dass Waldgebiete für die Ernährung geopfert werden müssen. Zielführender ist es, Wälder als wichtige Ernährungs- und Einkommensquelle zu betrachten. Eine weitere falsche Vorstellung ist, dass Armut per se zu Entwaldung führen muss. Im Gegenteil ist Entwaldung viel öfter Ursache der Armut, denn Folge.

Wissenschaftliche Unterstützung für globale Übergänge

Für die großen Transformationen – Globalisierung, Verschiebung im politischen und wirtschaftlichen Kräfteverhältnis, eskalierende Umweltprobleme und unvorhersehbare soziale Konflikte – ist, wie Nobelpreisträger Carlo Rubbia vom International Council for Science vorschlug, ein neuer Vertrag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft erforderlich, in der die Wissenschaft eine neue Rolle insbesondere die Umwelt betreffend einnehmen sollte: „Moderne Gesellschaften müssen neue, wirtschaftliche und sichere alternative Wege für die Energieproduktion finden und entwickeln, die auf fundierten wissenschaftlichen und technologischen Innovationen beruhen.“

IIASA-Chef Pavel Kabat unterstrich, dass unidisziplinäre Wissenschaft alleine Politiken und Lösungen für die Herausforderungen der Nachhaltigkeit nicht adäquat unterstützen kann. Und sein Stellvertreter, Nebosja Nakicenovic, machte deutlich, dass mit der jüngst erschienenen, von IIASA koordinierten Global Energy Assessment-Studie (GEA), an der 500 Wissenschaftler mitarbeiteten, die Welt in der Lage sei, die Energie für eine nachhaltige Zukunft bereitzustellen. Dies allerdings nur, wenn die Länder die richtigen Prozesse dafür beachten. So kommt es unter anderem darauf an, dass nicht nur die Angebotsseite effizienter werden, sondern auch die Nachfrage sinken muss, auch über Änderung des Lebensstils. Große Transformationen zahlen sich nicht sofort aus, sondern erzielen spürbare finanzielle Vorteile erst längerfristig. Man benötigt ein hohes Anfangsinvestment, mit dem sich unsere Kurzzeit-Entscheidungsansätze schwertun. Wir müssen allerdings in der Energiewirtschaft daran denken, so Nakicenovic weiter, dass wir dabei mehr investieren müssen, weil Energieeffizienz vor allem erfordert, Energieverbrauch durch Kapital zu ersetzen.

Der GEA zeigt, dass und wie gleichzeitig die globale Erwärmung auf 2 °C begrenzt, Luftqualität und Gesundheit verbessert werden und die Wirtschaft ebenfalls profitiert. Nakicenovic sieht in der „green economy“ ein ähnlich großes Wachstumspotenzial für die Wirtschaft wie in der Geschichte die Agrar- oder die industrielle Revolution.

Hoher Anspruch

Zielsetzung der IIASA-Jubiläumskonferenz war, zentrale Aspekte des wissenschaftlich basierten Politikmachens zu erörtern. Und insbesondere die Synergien zwischen Wissenschaft und Politik zu maximieren, um den Wandel zu erleichten. Von dieser Denkfabrik sind sicherlich noch viele übergreifende konstruktive Arbeiten gerade auch zum Thema Energie im Übergang zu erwarten – interdisziplinär, praxisorientiert und unabhängig. Der eigene Anspruch ist hoch und wurde auf der Tagung von IIASA-Chef Kabat klar herausgestellt: der politischen Transformation breite wissenschaftliche Systeme zur Verfügung zu stellen, die diese dabei unterstützten, eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu schaffen. Dafür hat das internationale Institut schon eine Menge getan, dafür muss es noch eine Menge tun, der Bedarf wird eher zunehmen als geringer werden.

F. Lamprecht, stellv. Chefredakteur „et“, Essen
Franz.Lamprecht@etvessen.de

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